: Brigitte Kanitz
: Onkel Humbert guckt so komisch Roman
: Blanvalet Taschenbuch Verlag
: 9783641101992
: 1
: CHF 11.70
:
: Erzählende Literatur
: German
: 320
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Was guckst du?

Maja Glück würde sich an ihrem 30. Geburtstag am liebsten verkriechen, denn nichts läuft in ihrem Leben so wie geplant. Zu dumm, dass ihre Mutter eine Überraschungsparty organisiert hat … Um diese zu überstehen, trinkt Maja ordentlich einen über den Durst – und stolpert so unglücklich über einen Gartenzwerg, dass sie erst im Krankenhaus wieder zu sich kommt. Doch etwas ist anders: Plötzlich hört sie Stimmen, die ihr die unglaublichsten Dinge erzählen. Als sie schon meint, verrückt zu werden, klärt ihr Onkel Humbert sie auf: Maja hat den Fluch der Familie geerbt. Sie kann Gedanken lesen …

Brigitte Kanitz wuchs in Rom, Lugano und Hamburg auf. Sie arbeitete als Redakteurin für diverse Printmedien, bevor es sie zurück nach Italien zog, wo sie seit vielen Jahren als freie Autorin lebt. Für Blanvalet hat sie bereits eine ganze Reihe von romantischen Komödien geschrieben.

1.
Nein, ich will keinen Geburtstag!

Zwölf Stunden zuvor.

An diesem Sonntagmorgen im Mai blieben meine Augen auch fest geschlossen. Diesmal allerdings freiwillig. Ich kniff sie zusammen, obwohl ich längst wach war. Vielleicht hatte ich heute mal Glück und der Tag strich ungelebt an mir vorbei.

Glück. Pah! Das gab es nur in meinem Nachnamen– wofür ich meine Urahnen gern mal zur Rechenschaft gezogen hätte–, aber nicht in meinem Leben.

»Maja, was soll das werden?«

Meine Mutter stand vor meinem Bett in unserem alten Kinderzimmer und hatte die Fäuste in die Hüften gestemmt. Das wusste ich auch ohne hinzuschauen. War eine ihrer Lieblingsposen. Vor allem, wenn sie sich aufregte. Vorzugsweiseüber mich.

»Ich schlafe«, murmelte ich.

»Das sehe ich. Um zehn Uhr an einem wunderschönen Morgen.« Energische Schritte entfernten sich, das Fenster wurde geöffnet, und herein strömte eine geballte Ladung Rosenduft.

Ich kroch tiefer unter die Decke, nachdem ich einen kurzen Blick auf Mamas Silhouette geworfen hatte. Das reichte schon, um mir den Tag noch schlimmer zu verderben. Mit Anfang fünfzig besaß Marion Glück noch immer die Traummaße ihrer Jugend. Knapp eins achtzig, nordisch blond, grau-grüne Augen; Busen, Taille, Hüfte perfekt verteilt. Bis auf die Größe hatte sie mir davon nichts vererbt. War alles an meine Schwester Stine gegangen. Im Aussehen kam ich mehr nach Papa. Dunkles, strohiges Haar, schlammbraune Augen, ungünstige Proportionen, die Nase zu lang, der Mund zu breit. Wäre ich wenigstens wie er von eher kleiner Statur gewesen, hätte ich vielleicht als nicht besonders hübsches, aber immerhin süßes Mäuschen durchgehen können. So aber…

Stopp!

Keine gute Idee, schon morgensüber die Ungerechtigkeit der Natur nachzudenken. Vor allem nicht an diesem speziellen Tag.

»Jetzt aber mal raus aus den Federn!«

Mir wurde langsam die Atemluft knapp, aber ich dachte gar nicht daran aufzutauchen.

»Herzlichen Glückwunsch! Heute ist dein dreißigster Geburtstag!«

War gar nicht nötig, mich darin zu erinnern. Genau deshalb wollte ich ja im Bett bleiben. Für mich klang der Hinweis wie ein Todesurteil.

Mama stieß einen tiefen Seufzer aus. Darin versteckte sich ein ganzer Satz, und der lautete: Was habe ich bloß verbrochen, um mit dieser Tochter geschlagen zu sein?

Genauso hatte sie geseufzt, als ich nicht so süß und blond wie Stine zur Welt gekommen war– das nehme ich jedenfalls mal an.

Geseufzt wurde auch gern, als ich mich nicht so lieblich entwickelte wie meine Superschwester, als meine Schulnoten eher im mittleren Bereich blieben, als ich mein Abitur so mit Ach und Krach schaffte, als ich drei Studiengänge (BWL, Jura und Germanistik) abbrach, als ich mit Winfried Wolf zusammenkam, als ich Winfried verließ, als ich einen Job bei einem Getränkehändler annahm, als ich meine eigene kleine Wohnung aufgeben musste und wieder zu Hause einzog.

Kurz und gut: Mama hatte eine ganze MengeÜbung im Seufzen.

Im Augenblick wirkte das angenehm einschläfernd.

Vielleicht träumte ich ja davon, dass Mama maßlosübertrieb. Ein kompletter Reinfall war mein Leben nämlich nicht. Musste man eine Leuchte in der Schule sein, um glücklich zu werden? Nein! Durfte man sich Studiengänge noch malüberlegen? Ja! Mussten Liebesbeziehungen für die Ewigkeit halten? Nein! Und hatten andere Leute nicht auch mal Pech im Leben? Doch! Und zwar massenhaft.

Hm. Klang gut. Sollte ich mir selbst malöfter vorsagen.

»Maja!«

Mit einem Ruck zog sie die Decke vom Bett.

Verdammt! Ich wäre fast wieder weg gewesen. Und wo bleibt die Menschenwürde? Ich bin dreißig und keine drei!

Dreißig. Erschreckend.

Um nicht weiterüber diese Zahl nachdenken zu müssen,öffnete ich die Augen und sah, wie ihr Blick missbilligendüber meinen uralten Pyjama und den Körper darunter wanderte.

»Du hast wieder zugenommen.«

Oh, Mann! Ja, mag sein. Ein paar klitzekleine Kilos. Höchstens fünf. Der Winter war lang, kalt und einsam gewesen. Und ich bin nicht Stine, die futtern kann, was sie will, ohne ein Gramm zuzulegen.

Im Augenblick gab es kein Entkommen. Ich schwang die Beine aus dem Bett und zog automatisch den Bauch ein.

Mama verkniff sich einen weiteren Seufzer. A