1. Kapitel
DUNKLE MATERIE
Schon zu Beginn unserer Reise fühle ich mich wie ein Stein im Fluss der Macht. Lanoree ist ein Fisch, der von diesem Fluss dahingetragen wird, sich davon nährt, darin lebt, das Wasser für sein Wohlergehen braucht. Ich hingegen bin reglos, ein Hindernis im Wasser, solange ich verweile. Und langsam, ganz langsam werde ich zu Nichts ausgewaschen.
– Dalien Brock, Tagebücher, 10651 ATY
Sie ist ein kleines Mädchen, der Himmel wirkt weit und endlos, und Lanoree Brock nimmt die Wunder von Tython in sich auf, während sie dahinläuft, um ihren Bruder zu finden. Dalien ist wieder unten am Meeresarm. Er ist gern allein, weg von all den anderen Kindern von Bodhi, dem Je’daii-Tempel der Künste. Ihre Eltern haben sie geschickt, um ihn zu suchen, und obwohl für diesen Nachmittag noch etwas Unterricht auf dem Plan steht, haben sie versprochen, dass sie heute Abend hoch zum Rand des Klingenwaldes gehen werden. Lanoree ist gern dort oben, und ein bisschen Angst macht es ihr auch. Dicht beim Tempel, nah am Meer, kann sie die Wogen der Macht fühlen, die alles durchdringt – die Luft, die sie atmet, die Landschaft, die sie sieht, und einfach alles, was die wunderschöne Umgebung ausmacht. Oben am Waldrand besitzt die Macht eine urtümliche Wildheit, die ihr Blut in Aufruhr versetzt.
Ihre Mutter würde lächeln und sagen, dass sie alles darüber erfahren wird, zu gegebener Zeit. Ihr Vater würde stumm in den Wald schauen, als würde er sich insgeheim danach sehnen, ihn zu erkunden. Und ihr kleiner, erst neun Jahre alter Bruder würde anfangen zu weinen. Beim Klingenwald weint er immer.
»Dal!« Sie streift durch das hohe Gras dicht am Ufer, die Hände zu den Seiten ausgestreckt, sodass das Gras ihre Handflächen streichelt. Sie hat nicht die Absicht, ihm etwas von dem für den Abend geplanten Spaziergang zu erzählen. Täte sie das, würde er mürrisch werden und wäre vielleicht nicht bereit, mit ihr nach Hause zu kommen. Manchmal konnte Dal ein ziemlicher Dickkopf sein, und ihr Vater sagt, das sei ein Zeichen dafür, dass jemand seinen eigenen Weg sucht.
Dal scheint sie nicht gehört zu haben. Als sie sich ihm nähert, verlangsamt sie den Gang und denkt sich:Wäre ich das, hätte ich meine Gegenwart schon vor einer Ewigkeit gespürt.
Dals Kopf bleibt gesenkt. Neben sich hat er mit den Steinen von Meppeln, seiner Lieblingsfrucht, einen perfekten Kreis gelegt. Das macht er oft, wenn er nachdenkt.
Der Fluss fließt schnell vorüber, angeschwollen von den jüngsten Regenfällen. Die Kraft, die dem Wasser innewohnt, ist einschüchternd, und als sie die Augen schließt, fühlt Lanoree die Macht und nimmt eine Unzahl von Lebewesen wahr, die den Fluss ihr Zuhause nennen. Einige sind so klein wie ihr Finger, andere, die vom Meer her stromaufwärts schwimmen, fast halb so groß wie ein Wolkenjäger-Schiff. Dank ihrer Studien weiß sie, dass viele von ihnen Zähne haben. Sie beißt sich zögerlich auf die Lippen. Dann streckt sie forschend ihren Geist aus und …
»Ich habe dir gesagt, du sollst das niemals bei mir machen!«
»Dal …«
Er steht auf und dreht sich mit zornigem Blick um. Einen flüchtigen Moment lang ist da ein Feuer in den Augen, das seiner Schwester nicht gefällt. Sie hat diese Flammen schon früher gesehen – das knotige Narbengewebe an ihrer Unterlippe ist eine Erinnerung daran. Dann vergeht seine Wut, und er lächelt.»Tut mir leid. Du hast mich erschreckt, nichts weiter.«
»Zeichnest du?«, fragt sie, als sie sein Skizzenbuch entdeckt.
Dal schließt das Buch.»Das sind bloß Kritzeleien.«
»Das glaube ich nicht«, meint Lanoree.»Du bist wirklich gut. Das sagt sogar Tempelmeister Fenn.«
»Tempelmeister Fenn ist ein Freund von Vater.«
Lanoree ignoriert die in den Worten versteckte Anspielung und tritt näher an ihren Bruder heran. Sie erkennt bereits, dass er sich einen guten Platz ausgesucht hat, um die Landschaft zu zeichnen. Der Fluss macht hier eine Biegung, und von den Hügeln des Klingenwaldes mündet ein kleinerer Zufluss in das Gewässer, was zu einem Wirrwarr von Strudeln führt. Das Unterholz am anderen Ufer ist bunt und voller Leben, und es gibt einen riesigen alten Akbaum, dessen hohler Stamm einem Schwarm Webervögel als Zuhause dient. Ihr goldenes Gefieder schimmert in der Nachmittagssonne. Der Vogelgesang wetteifert mit dem Tosen des Flusses.»Lass mich mal sehen«, sagt Lanoree.
Dal sieht sie zwar nicht an, klappt jedoch den Block auf.
»Das ist großartig«, sagt sie.»Die Macht hat deine Finger geführt, Dal.« Doch eigentlich ist sie sich da nicht so sicher.
Dal zieht einen Stift aus der Tasche und streicht seine Zeichnung mit fünf dicken Strichen durch, von links nach rechts, ehe er das Papier zerreißt und das Bild für i