1
Eine kalte Begrüßung
»Stehen bleiben, das ist gefährlich!«
Ich hörte jemanden schreien, aber es war zu spät. Die Holzplanken des Piers bogen sich erst unter mir und gaben dann nach. Bretter splitterten, morsches Holz brach, und ich stürzte drei Meter tief in den eisigen Golf von Maine.
Vielleicht hätte ich den Mann, der mir die Warnung zurief, auf den Kai laufen sehen können. Wenn ich mich bloß etwas nach rechts gedreht hätte, hätte ich bemerkt, wie er wild mit den Armen winkendüber den Strand zum Pier gerannt kam. Aber ich hatte den Sucher meiner Nikon-Kamera ans Auge gepresst und zoomte gerade etwas jenseits des Wassers heran– die Statue einer Frau in einem vom Wind gebauschten Kleid, die einen Korb voller Trauben trug.
Noch während ich mich mit rudernden Armen, pochendem Herzen und vor Kälte klappernden Zähnen wieder nach oben kämpfte, merkte ich, dass ich abtrieb, und zwar ziemlich schnell. Eine starke, mächtige Strömung wirbelte mich herum und zog mich fort vom Kai. Ich kam hustend an die Oberfläche, das Meer um mich herum schäumte aufgewühlt und voller Sand. Ich trieb noch immer ab, bewegte mich weg vom Pier und dem Strand, Wellen schwapptenüber mir zusammen, füllten meinen Mund und meine Nase mit Salzwasser. Ich spürte, wie meine Arme und Beine allmählich taub wurden, ich konnte nicht aufhören zu zittern. Wie konnte das Meer Ende Juni bloß so kalt sein?
Ich versuchte, gegen die Strömung anzuschwimmen, legte meine besten Kraulkünste an den Tag, trat so fest ich konnte und schob das Wasser weg, bis meine Gliedmaßen schmerzten. Doch ich driftete weiter in tieferes Gewässer ab, die Strömung war noch immer zu stark.
Du warst eine gute Schwimmerin, als du noch in Exeter warst, versuchte ich, mir selbst Mut zuzureden.Du kannst es ans Ufer schaffen. Die kleine Stimme in meinem Kopf wollte zuversichtlich klingen, aber es gelang ihr nicht. Panik durchfuhr mich bis in meine Fingerspitzen und Zehen. Etwas hatte sich in den Jahren, die dazwischen lagen, verändert. Zu viel Zeit, die ich sitzend an einem Schreibtisch verbracht und mich um juristische Schriftstücke und Erwerbsverträge gekümmert hatte, Zeit, in der ich offenbar nicht den Schmetterlingsstil trainiert hatte.
Plötzlich ließ die Strömung, die mich erfasst hatte, abrupt nach. Ich war umgeben von schwarzen Wassermassen mit weißen Schaumkämmen. Vor mir erstreckte sich das offene Meer, dunkel und unendlich. Ich drehte mich um, und zuerst konnte ich nichts anderes als noch mehr Wasserhügel erkennen. Dann schaukelte ich auf einem Wellenkamm hoch, und der Strand mit dem Pier tauchte auf, weit weg und winzig. Ich fing wieder an zu kraulen, nahm Kurs Richtung Ufer– schnaufte, ruderte, schnaufte, ruderte. Es war schrecklich anstrengend und meine Beine fühlten sich so schwer an. Sie wollten nicht mehr weiterstrampeln. Sie waren einfach zu müde.
Ich hörte auf und trieb auf der Stelle, meine Arme waren so erschöpft, ich hätte weinen können. Ich spürte einen brennenden Schmerz am Kinn, und als ich mein Gesicht berührte, hatte ich Blut am Finger. Ich hatte mich an irgendetwas geschnitten, vermutlich beim Sturz.
Der Sturz. Ich wusste nicht einmal, wie es hatte passieren können. Ich wollte bloß die Stadt vom Wasser aus sehen, so wie Gran, meine Großmutter, sie gesehen haben musste, als sie hier in den 40er-Jahren aufgewachsen war. Also war ichüber den Strand gelaufen, hatte ein Gatter geöffnet und den alten Bootsanlegesteg betreten. Einige Planken fehlten, und Teile des Geländers waren weggebrochen, aber alles schien in Ordnung, bis ich auf ein Brett trat, das sich etwas zu weich anfühlte. Ich konnte den freien Fall fast noch einmal spüren.
Eine Welle schwappte mir ins Gesicht und ich bekam den Mund voll Wasser. Ich spürte, wie sich die Nikon verdrehte und gegen meine Brust stieß, und mir wurde bewusst, dass sie noch immer an meinem Hals hing, wie ein Stein, der mich hinunterzog. Die Kamera würde nie mehr funktionieren. Das wusste ich. Mit zitternden Händen zog ich mir den Riemen des Fotoapparatsüber den Kopf.
Ich musste an meinen letzten Geburtstag denken– Abendessen imMay Fair Hotel in London, mein Verlobter, Hayden, wie er mir eine in Silberpapier verpackte Schachtel und eine Karte reicht.»Glückwunsch zum fünfunddreißigsten, Ellen– ich hoffe, das wird deinem Wahnsinnstalent gerecht.« In der Schachtel befand sich die Nikon.
Ichöffnete die Hand und ließ den Riemen durch meine Finger gleiten. Ich sah zu, wie die Kamera in die Finsternis hinabsank, und spürte, wie es mir das Herz brach, wenn ich mir nur vorstellte, wie sie am Meeresgrund lag.
Und dann kam mir der Gedanke, dass ich es nicht zurück schaffen würde. Dass es einfach zu kalt und ich zu müde war. Ich schloss die Augen und ließ mich von der Dunkelheit einhüllen. Um mich herum hörte ich nichts als das Rauschen des Meeres. Ich dachte an meine Mutter und wie schrecklich es