»Gerade so, als wenn man ins Geschäft ginge«1916
Am 5. Januar 1916 beginnt der FeldzugÖsterreich-Ungarns gegen das Königreich Montenegro. Am 16. Januar ist das Königreich besiegt.
Nowaja-Sloboda, den 6. Januar 1916
Liebe Mutter und Schwester,
zunächst vielen Dank für Mutters lieben Brief vom 28. XII und den Glückwunsch zum neuen Jahr. Wie ich Weihnachten und Neujahr verlebt habe, habe ich Euch ja bereits ausführlich mitgeteilt.
Nun noch mal zu dem Urlaub. Es freut mich ja, dass Du Dich, liebe Mutter, erst erkundigt hast, wie Du es am besten anstellst, um etwas zu erreichen. Ich lege Dir das Schreiben, das Du mir sandtest, mit einigen Abänderungen wieder bei und bitte Dich, es an Hauptmann Richter abzusenden, wenn es von der Polizei gestempelt ist. Du musst das Gesuch aber auf einen großen Conzeptbogen schreiben, den Du in der Mitte faltest. Wenn die Polizei das Stempeln ablehnt, unterlass bitte die ganze Angelegenheit, da es laut Korpsbefehl verboten ist, Urlaub ohne behördliche Beglaubigung des Gesuchs zu erteilen.
Über die Postkarte mit den jungen Damen habe ich mich sehr gefreut. Die drei Grazien, die links stehen, sehen recht nett aus. Die 1. junge Dame links, ist das Ursel Eichhorst? Dann kenne ich außer Anneliese nur noch die kleine Dora, die ja von ihrer Mama recht aufdringlich angeputzt worden ist. Für so eine kleine Krabbe doch recht hässlich. Friedel Behnfeldt ist schlecht getroffen und sieht aus wie eine alte Jungfer. Am besten sieht Anneliese und die Kleine in der Mitte aus. Wenn ich nichts besseres zu tun wüsste, möchte ich der»verehrten« Frau Eichhorst mal eine Standpauke halten, wie man 15-jährige Töchter, noch dazu in Kriegszeiten, vorteilhaft anzieht. Doch die Ansichten einer protzhaften Dame und die eines preußischen Unteroffiziers, der sich 1 Jahr lang im Felde rumgetrieben und das Schlichte und Praktische schätzen gelernt hat, sind wohl verschieden.
Nun viele Grüße und Küsse
von Euerm Bernhard
Am 11. Januar 1916 treffen sich die Mitglieder der»Gruppe Internationale« zu einer Konferenz. Die Gruppe um Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht lehnt die Befürwortung des Krieges durch die SPD-Führung strikt ab.
Nowaja-Sloboda, den 12. Januar 1916
Ihr Lieben,
für Eure liebe Karte vom 31. 12. sage ich Euch sowie Werner und Frl. M. Anton und Benold herzlichen Dank. Gleichfalls vielen Dank für die Mütze, die vor einigen Tagen eintraf. Sie passt tadellos, aber gelacht habe ich doch mächtig, als sie ankam. Ich sitze mit mehreren anderen Unteroffizieren bei unserem Futtermeister und warte auf die Post. Endlich kam sie und dabei ein Paket– und darinnen die Mütze. Als ich sie auspackte, fingen wir alle an zu lachen– und weswegen? Sie, die Mütze nämlich, hatte silberne Offizierskokarden. Na, da ich ja weder Wachtmeister noch Leutnant bin, musste ich die Dinger unter allgemeiner Heiterkeit abmachen und durch die»gemeinen« ersetzen.
Eben kommt Euer großes Paket vom Oktober. Riesenfreude! Alles tadellos. Die Sporen etwas zu niedlich, das heißt zu schwach für den Krieg. Na, jetzt müssen sie ja doch vorerst in die Packtasche wandern, da man keine passenden Schuhe hat, noch anziehen kann, wenn man manchmal Schneewehen zu durchqueren hat, wobei nicht mal die bis an die Knie reichenden»Langschäfter« genügen, nur gegen Nässe zu schützen. Also warten wir noch 2 Monate, vielleicht bin ich inzwischen auf Urlaub gewesen und kann mir ein paar schöne Schuhe mitbringen. Na, das hat ja noch Zeit. Gestern habe ich eine Patrouille mitgemacht. Wir waren auf der Suche nach russischen Spionen. Leider war unser Ritt vergeblich. Sonst nichts Besonderes.
Herzlichen Gruß und 1000 Küsse
von Euerm Bernhard
Mitte Januar 1916 wird das gesamte im Deutschen Reich vorhandene Saatgetreide beschlagnahmt.
Nowaja-Sloboda, den 18. Januar 1916
Mein liebes Schwesterlein,
gestern Abend erhielt ich Deinen lieben Brief vom 13. 1. und hatte mich grade hingesetzt, um Dir zu antworten, als mein Wachtmeister mich rufen ließ und mir mitteilte, dass ich nachts 3 Uhr mit einem Schlitten nach Soly fahren sollte, mit dem ich einige Leute zur Bahn bringen sollte, die in Wilna Einkäufe für die Batterie zu machen hatten. Es war eine herrliche Schlittenpartie. Sternenklare, mondhelle Nacht, zirka 10 Grad Kälte und dann im Trabüber die leuchtend weiße Fläche. Du kannst Dir das gar nicht vorstellen, wie es hier aussieht.Überall½ Meter Schnee, also alles weiß. An vielen Stellen, hauptsächlich in den Wegen, ist der Schnee aber durch den furchtbaren Sturm, der zeitw