: Thomas Schmid
: Die Wilden Küken 9. Im Bernsteinfieber Band 9
: Dressler Verlag GmbH
: 9783862727773
: Die Wilden Küken
: 1
: CHF 8.90
:
: Kinderbücher bis 11 Jahre
: German
: 244
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Keine alleine, alle oder keine!, so lautet das Bandenmotto der Wilden Küken. Kein Wunder, dass alle Mädels dabei sind, als Nadja Lilli auf die Bernsteininsel einlädt. Sogar die Jungs von den Grottenolmen kommen mit. Doch Very hat ganz andere Dinge im Kopf: Sie denkt nur noch an diesen YouTube-Sänger, auf den sie seit Neuestem steht. Und plötzlich taucht genau der auf! Mitch ist natürlich gar nicht begeistert. Für alle coolen Mädels: Band 9 der beliebten Serie.

Thomas Schmid, 1960 in Landshut/Bayern geboren, wollte als Kind entweder Stuntman oder Schriftsteller werden. Dann studierte er Literatur-, Theater- und Kommunikationswissenschaften und ist heute als freier Autor tätig. Außer Büchern für Kinder und Jugendliche schreibt er auch Drehbücher fürs Fernsehen, u.a. für 'Marienhof', und für den Hörfunk, u.a. für das satirische Kindermagazin 'Sonntagshuhn' des Bayerischen Rundfunks. Er lebt mit seiner Frau und drei Kindern in Niederbayern.

 

Aus der Kirche drang leise Orgelmusik, der Kies unter den Rädern des Kinderwagens knirschte und Lillis kleine Schwester quengelte. Lilli klappte das Verdeck zurück und steckte ihr den Schnuller in den Mund. Hochüber ihnen schlug die Turmuhr Viertel vor elf. Auf Zehenspitzen schaute Lilliüber die Mauer des Kirchhofs zurück zum Parkplatz, wo ihre Eltern noch immer am Auto standen. Lillis Vater reichte Luisa das Stammbuch der Familie aus dem Handschuhfach und holte das Blumengesteck aus dem Kofferraum. Luisa hielt in der einen Hand die Taufkerze und mit der anderen zupfte sie an Stefans Anzug herum.

Lilli ließ ihren Blicküber die parkenden Autos wandern, konnte aber nirgends ein Motorrad entdecken.

Als bekäme er keine Luft mehr, lockerte Stefan seine Krawatte.»Schläft unser Schnuckelchen endlich?«, rief er.

Lilli musste nicht antworten, denn das Schnuckelchen hatte soeben den Schnuller aus dem Kinderwagen gespuckt, nun bäumte es sich auf und quäkte wild drauflos.

Luisa und Stefan beschleunigten ihre Schritte.

»Hunger kann sie jedenfalls nicht mehr haben.« Luisa schlug die Babydecke beiseite.»Ich hab dich doch im Auto eben erst gestillt, mein Engelchen.«

»Hoffentlich schreit sie nicht die ganze Feierüber!« Lillis Vater bückte sich nach dem Schnuller.

Luisa hob ihre auf den Tag genau drei Monate alte Tochter aus dem Kinderwagen, legte sie sichüber die Schulter, strich das weiße Taufkleidchen glatt und klopfte ihr auf den Rücken.»Hörst du die Orgel? Hm, hörst du das, meine Kleine, wie schön die Frau Homolka spielt? Extra für dich!«

Das Baby rülpste und verstummte, als wäre es selbst erstauntüber die befreiende Wirkung.

Mit triumphierendem Lächeln legte Luisa die Kleine, die jetzt friedlich an ihrer Unterlippe saugte, zurück in den Kinderwagen und schob ihn hinter Lilli und Stefan her in die kühle Kirche.

Das Sonnenlicht schien durch die bunten Fenster und verteilte Farbtupfer auf die bereits versammelten Gäste. Viele Köpfe drehten sich nach den Hollers um und lächelten. Lilli blieb beim Kinderwagen stehen, während ihre Eltern alle Verwandten, Freunde und Bekannten mit Handschlag begrüßten. Bobs Vater Jens umarmte erst seine Schwester Luisa und dann Stefan. Genauso machte es auch Bobs Mutter Anna. Nonna Paola saß zwischen ihren Enkeln Giulia und Siegi gleich in der ersten Reihe. In einer der hinteren Kirchenbänke tuschelten Verys Eltern mit Henriette Roland, der Mutter von Ole und Little. Herr und Frau Röhrich, Lillis Nachbarn, hatten etwas abseits im Seitenschiff Platz genommen. In einer anderen Bank saßen die Lehrerkollegen von Luisa. Frau Schley war da, Herr Buse und etliche Referendare. Frau Homolka stellte ihr Orgelspiel kurz ein und winkte von der Empore.

Opa Ferdinand kämmte sich noch rasch die schlohweißen Haare und Giulias Freund Justin wedelte scherzhaft mit seiner Krawatte. Alle waren gekommen, nur nach Nadja hielt Lilli vergeblich Ausschau. Grüßend lächelte sie in all die freundlichen Gesichter und versuchte gleichzeitig, ihre Enttäuschung wegzudrücken. Nadja war Lillis leibliche Mutter, hatte sich aber schon kurz nach Lillis Geburt von Stefan getrennt. Erst elf Jahre später hatte Lilli ihre Mutter kennengelernt. Bei der Hochzeit von Lillis Eltern war Nadja sogar Trauzeugin gewesen und seither gehörte sie wieder zur Familie. Trotzdem würde sie für Lilli nie mehr eine richtige Mutter werden, dafür hatte sie ihre Tochter viel zu lange im Stich gelassen. Genau wie auch heute wieder.

Als Tänzerin war Nadja viel im Ausland unterwegs, und wenn sie gerade kein Engagement an irgendeinem Theater hatte, bereiste sie mit ihrem Motorrad die halbe Welt. Aber bei ihrem letzten Telefonat hatte sie Lilli fest versprochen, zur Tauffeier zu kommen. Fehlanzeige. Lilli wollte schon fast ins Grübeln geraten, da traten Bob, Very und Enya durch das Seitenportal in die Kirche. Alle drei steckten in festlichen Sommerkleidern. Enyas schwarze Haare waren zu einem kunstvollen Kranz geflochten, Bob hielt ein Blumensträußchen in den Händen und um Verys Schultern lag ein golden schillerndes Seidentuch. Wie Lilli trugen auch die anderenWilden Küken ihre Hühnerfeder an einem Lederband um den Hals. Obwohl Lilli, Bob, Very und Enya schon so viel gemeinsam erlebt hatten, erfüllte Lilli der Gedanke daran, dass sie vier nicht nur die besten Freundinnen, sondern auch eine Bande waren, noch immer mit so viel Stolz und Glück, dass sie davon einen Kloß im Hals bekam.

»Passwort?«, fragte Enya.

Lilli vergaß den Kloß in ihrem Hals und schaute ihre Freundinnen verblüfft an. Erstens machten sich dieWilden Küken normalerweise immer lustigüber Lillis Passwörter und zweitens hatten sie bei ihrem gestrigen Bandentreffen gar keins vereinbart.

»PasswortKükentaufe!«, sagten Bob, Very und Enya gleichzeitig und lachten ihrem Oberküken ins verdutzte Gesicht. Alle drei gingen neben dem Kinderwagen in die Hocke und wurden auf einmal ganz ernst. Very kramte ein Babyarmkettchen aus ihrer Tasche und legte es Lillis Schwester ums Handgelenk.»Alles Gute zur Taufe, Miniküken!«

An dem Kettchen baumelte eine winzige Feder aus Silber.

Vor lauter Rührung wusste Lilli gar nicht, was sie sagen sollte, also sprach sie einfach das Bandenmotto derWilden Küken mit, das ihre Freundinnen jetzt verschwörerisch murmelten:»Keine alleine, alle oder keine!«

Nacheinander strichen Bob, Very und Enya dem neugierig dreinblickenden Babyüber die Wange.

»Du hast die süßeste kleine Schwester der Welt!«, flüsterte Enya.

»Senza dubbio!«, hauchte Bob.»Ganz