„So geht das nicht!“
Mit großem Bedauern, doch wild entschlossen ergriff Thorben die kleinen schlanken Hände seiner Freundin. Um ihre erotischen Absichten zu verdeutlichen, hatte sie auf eineüberaus sinnliche Weise begonnen, sein Hemd aufzuknöpfen.
Er trug gern und ausschließlich Hemden, meist weiße, glatt gebügelte. Das ließ ihn gepflegt und seriös wirken, und Thorben van Dijk legte großen Wert auf ein solches Erscheinungsbild. Zu oft hatte er leidvoll erfahren müssen, dass ein legeresÄußeres auf Vorurteile stieß und er in eine bestimmte Schublade gesteckt wurde– vor allem, wenn dann noch bekannt wurde, woher er kam.
Das betraf vor allem potenzielle Arbeitgeber, und er konnte es sich nicht leisten, aus fadenscheinigen Gründen abgelehnt zu werden. Ein weißes, gebügeltes Hemd machte ihn auch visuell zu dem verantwortungsbewussten jungen Mann, der er in der Tat war.
Er seufzte entsagungsvoll, als Gesche nun ihren reizenden Schmollmund zog. Mit ihren schulterlangen, blonden Locken und der zierlichen, jedoch durchaus weiblichen Figur war sie der Inbegriff eines Männertraums. Zumindest war Gesche Landsbergsein Traum, und ein Traum würde sie wohl auch bleiben. Das war ihm an diesem Abend schmerzlich bewusst geworden.
Noch einmal nahm er ihren Anblick in sich auf, als wollte er ihr Bild für immer in sein Herz einbrennen.
Gesche Landsberg war zwanzig Jahre alt und die ausnehmend schöne, aber eben auch verwöhnte Tochter des reichen Kaffeehändlers Ewald Landsberg und seiner Frau Thea, die als Immobilienmaklerin einäußerst erfolgreiches und profitables Unternehmen führte. Beide liebte ihre Arbeit so sehr, dass sie wenig Zeit für ihre Tochter aufbrachten.
Gesche war von Kindermädchen erzogen worden, und zum Ausgleich für die mangelnde Zuwendung hatten ihre Eltern sie mit materiellen Güternüberschüttet. Obgleich ihr nie etwas verwehrt worden war und sie immer alles bekam, was sie wollte, war aus Gesche Landsberg eine sympathische junge Frau geworden, die keine Vorurteile kannte und ein großes Herz hatte.
Thorben van Dijk liebte ihre klaren blauen Augen, die ihrem samtenen Teint ein fastüberirdisches Strahlen verliehen. Sie war eine kleine Göttin, und er betete den Boden an,über den sie ging.
Leider war eine Göttin nicht für einen Mann wie ihn geschaffen. Die Unterschiede zwischen ihnen hätten größer gar nicht sein können, dennoch hatte er eine Zeit lang gehofft, es würde gut gehen. Doch dieser Abend hatte ihm gezeigt, wie sinnlos diese Hoffnung war.
„Ich weiß, es war eine blöde Idee“, gab Gesche nun zu, denn sie wusste genau, worauf ihr Freund anspielte.
Er nickte.„Das siehst du ganz richtig!“
Gesche– die zu engen modischen Jeans eine gerüschte, halbtransparente, geblümte Bluse trug– ließ sich auf die Bettkante sinken.
Thorbens Ein-Zimmer-Apartment in Bremen-Neustadt war wahrlich nicht groß. Neben dem schmalen Bett beherbergte es nur noch einen kleinen Kleiderschrank, eine winzige Kochnische und eine Essecke. Für mehr war kein Platz. Aber die Miete war günstig, und die Wohnung hatte sogar einen kleinen Balkon. Zudem ließen die hohen Fenstertüren viel Licht in das Zimmer und sorgten für eine freundliche Atmosphäre.
Jetzt war es Gesche, die seufzte.
„Ich habe es doch nur gut gemeint“, versicherte sie ihm mit klarer Stimme.„Ich dachte, es wird Zeit, meine Eltern und dich an einen gemeinsamen Tisch zu bringen. Du wärst doch nie gekommen, wenn ich dir gesagt hätte, dass die Einladung nicht von meinem Vater kommt, sondern ich dich zum Essen eingeladen habe!“
Thorben hob vorwurfsvoll die Augenbrauen.
„Unwillkommener als ich heute Abend ist wohl noch nie ein Mensch gewesen! Und das kann ich deinem Vater nicht einmal verdenken, Gesche. So etwas geht nicht! Du hast deine Elternüberrumpelt– und mich auch.“
Gesche musterte ihren Freund, wie er da groß und schlank– fast schon ein wenig schlaksig– an der Balkontür stand, die Hände fest in den Taschen seiner Jeans vergraben. Sein schmales Gesicht mit den warmen braunen Augen wirkte ernst.
„Man sollte nicht glauben, dass du schon zwanzig Jahre alt bist. Du benimmst dich manchmal wie ein Kind“, hielt er ihr vor und provozierte damit einen erneuten Schmollmund.
„Und dir merkt man nicht an, dass du erst dreiundzwanzig bist“, konterte sie.„Du benimmst dich manchmal wie ein uralter Mann mit unendlich viel Lebenserfahrung. So richtig spießig!“
„Lieber spießig alsüberspannt!“ Thorben zog sich nun einen der Küchenstühle heran und setzte sich ihr gegenüber. Um Verständnis flehend nahm er ihre Hände in seine, und Gesche begriff sofort, dass dies eineüberaus ernste Angelegenheit zu werden versprach.
„Dein Vater wird mich nie akzeptieren, Gesche. Das ist mir heute Abend mehr als deutlich geworden. Er wird alles tun, um u