Vorwort
»Ist es ein Junge oder ein Mädchen?«
So lautete früher die erste Frage nach der Geburt. Auch heute wird sie oft noch vor der Frage nach der Gesundheit des Kindes gestellt. Kaum hat sich der Schwangerschaftsteststreifen verfärbt, überlegt man sich für das Zellhäufchen einen Namen, und auch dabei muss das mögliche Geschlecht bereits bedacht werden. Schließlich soll später jeder wissen, ob er es mit einer Frau oder einem Mann zu tun hat, selbst wenn er dem Betreffenden nie begegnet und nur auf schriftlichem oder elektronischem Wege mit ihm oder ihr zu tun hat. Nach wie vor ist es für uns von ungeheurer Wichtigkeit, ob jemand zwei X-Chromosomen oder ein X- und ein Y-Chromosom hat, und wenn wir ihn diesbezüglich nicht eindeutig einordnen können, sind wir irritiert.
So einfach ist es jedoch nicht. Allein in Deutschland leben Schätzungen zufolge zwischen 80 000 und 100 000 Menschen, die nicht eindeutig dem einen oder anderen Geschlecht zuzuordnen sind. Dennoch wurde noch bis 2013 von Ärzten und Eltern verlangt, sich für eine der beiden Geschlechtskategorien zu entscheiden, und man mutete schon Babys sogenannte »geschlechtsangleichende« Operationen zu, oft mit schwerwiegenden körperlichen und psychischen Folgen.
Schon bevor wir einen Menschen überhaupt kennenlernen, wollen wir wissen, ob er Männchen oder Weibchen ist. Was er zwischen den Beinen hat, interessiert uns, zumindest für die erste grobe Einordnung, mehr als das, was er im Kopf hat. Also muss diese biologische Unterscheidung doch wohl einen ganz entscheidenden Unterschied machen. Männer und Frauen müssen so grundlegend verschieden sein, dass ihr Geschlecht eine größere Rolle spielt als alles andere. Oder?
Bei allem gibt es Moden. Bei Diäten, bei Rocklängen, sogar bei Weltanschauungen. Auch bei der Frage, was denn nun ein richtiger Mann oder eine richtige Frau ist, wechselt die Mode ab und zu mal. Lange Zeit hatte man sich darüber, was denn nun weiblich und was männlich sei, nicht übermäßig viele Gedanken gemacht. Männer waren Männer, Frauen Frauen, und damit hatte es sich.
Vor einigen Jahrzehnten waren viele dann plötzlich der Meinung, Kinder würden, was ihr Geschlecht betrifft, zwar grob in zwei Varianten geliefert, allerdings spiele das keine große Rolle. Man brauche Jungen und Mädchen nur völlig gleich zu erziehen, und schon gebe es keine Mann-Frau-Konflikte mehr und obendrein den Weltfrieden. Allerdings musste man irgendwann erkennen, dass kleine Mädchen sich in der Regel wenig dafür begeistern lassen, die Buddelkiste mit Baufahrzeugen zu durchpflügen, und dass kleine Jungs selten Neigung verspüren, die Glitzermähne eines Plastikponys zu kämmen. Abgesehen von einigen Unbelehrbaren räumten die meisten nun mehr oder weniger zähneknirschend ein, dass Jungs und Mädchen vielleicht doch unterschiedlich ticken. Es folgte eine Flut von Büchern, in denen erklärt wird, warum Männer dies nicht können und Frauen jenes nicht. Also war wieder einmal die Moderichtung auf dem Vormarsch, die verkündet, Frauen seien nun einmal Frauen und Männer Männer, und die Unterschiede zwischen ihnen beeinflussten uns offenbar doch viel stärker, als wir dies wahrhaben wollten.
Aber was stimmt denn nun? Gibt es diese naturgegebenen Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die über die Anatomie hinausgehen, oder gibt es sie nicht? Und falls doch, wie bedeutsam sind sie? Wenn schon die Dreijährigen Supermacho und Prinzessin spielen – dann muss das doch etwas mit den Genen zu tun haben! Schließlich tun das zum Entsetzen ihrer Eltern auch diejenigen Kinder, die man absichtlich nicht besonders geschl