Das Haus glänzte, Vil konnte es nicht anders beschreiben. Der steinerne Boden schimmerte, das silberne Geschirr blitzte vom großen Esstisch, und die Hausmagd begann gerade damit, zusätzlich zu den vielen schon brennenden Kerzen noch weitere Leuchter aufzustellen. Nur er selbst, er glänzte nicht im Mindesten, ganz im Gegenteil: Der Hemdkragen war zerrissen, er hatte Blut auf demÄrmel, und mit der Zunge konnte er die aufgeplatzte Lippe erspüren.
»Wie alt bist du, Viltor?«
»Fünfzehn, Mutter.«
»So? Und was habe ich dirüber den heutigen Abend gesagt?«, fragte seine Mutter streng.
»Dass er sehr wichtig ist«, murmelte er.
»Und ich habe dich gebeten, dich dementsprechend zu verhalten– oder nicht?«
»Ja, Mutter.« Er riskierte einen Blick. Ihre graugrünen Augen ruhten mit unnachgiebiger Strenge auf ihm.»Tut mir leid«, murmelte er.
»Du bist wirklich alt genug, um es besser zu wissen. Darf ich erfahren, wie es dazu kommen konnte?«
Vil zuckte mit den Achseln.
»Aha, es ist also ohne besonderen Grund geschehen?«
Wieder antwortete er mit einem Schulterzucken. Er konnte ihr doch schlecht erzählen, dass er sich wegen der Dinge, die sieüber seinen Vater sagten, mit seinen Freunden geprügelt hatte.»Schön. Wenn du es mir nicht verraten willst, dann vielleicht deinem Vater. Ich bin schon sehr gespannt, was er dazu sagen wird, wenn er heimkommt. Doch jetzt geh nach oben und mach dich für den Abend bereit. Und versuch bitte, uns nicht noch weiter zu beschämen. Du bist ein Merson und ein Gremm– verhalte dich entsprechend, Viltor!«
»Ja, Mutter.«
Er stieg rasch die Treppe hinauf. Dass sie am Abend Gäste erwarteten, hatte unbestreitbar sein Gutes– seine Mutter würde ihn nicht ohne Abendessen ins Bett schicken können, wie sie es sonst nach solchen Vorfällen tat.
»Wie viele waren es?«, fragte Tiuri, seine jüngere Schwester, als er sichüber der Waschschüssel das Blut abwusch.
»Hundert«, gab er schlecht gelaunt zurück.
»Gar nicht wahr«, rief sie lachend.
Er seufzte.»Es waren zwei.«
»Tut es sehr weh?«, fragte Faras, sein kleiner Bruder.
»Überhaupt nicht«, erklärte er grimmig und blickte in den silbernen Spiegel. Das Silber warf nur ein verzerrtes Bild zurück, und das sahübel aus.
»Warte, ich helfe dir.« Vorsichtig tupfte Tiuri ihm mit einem Tuch das Blut von der Lippe.
Er bewunderte sie für den heiligen Ernst, den sie bei solchen Dingen an den Tag legte. Sie wirkte dann vielälter als die zehn Jahre, die sie gerade zählte.
»Pass auf, dass dir nichts aufs Kleid tropft«, murmelte er.
»Mutter, Vil macht Tiri das Kleid schmutzig«, rief Faras vor der Tür.
»Und du machst dir in die Hosen, wenn du Blut siehst«, gab Vil wütend zurück.
Eigentlich erwartete er, dass gleich seine Mutter in die Kammer rauschen würde, aber Rohana Merson kam nicht. Offenbar nahmen die Vorbereitungen für den Abend sie zu sehr in Anspruch.
Faras streckte Vil die Zunge heraus und rannte dann davon.
»Er kann froh sein, dass wir heute Gäste haben«, murmelte Vil.
»Ich bin auch froh«, sagte Tiuri.»Und es ist doch auch schön– all diese wichtigen Menschen sind vornehm gekleidet und höflich und redenüber bedeutende Dinge,über die sonst nie einer mit uns redet.« Sie betrachtete ihr Werk zufrieden aus den dunklen Augen, die sie von ihrem Vater geerbt hatte.
Er fuhr sich mit der Zunge prüfendüber die Lippe. Sie hatte aufgehört zu bluten.»Lehrreich vielleicht, vor allem aber langweilig«, widersprach er.
»Finde ich nicht. Aber beeil dich jetzt besser. Es ist schon spät.«
Als Vil die Treppe hinunterstieg, hatte die Magd die letzten Kerzen bereits entzündet. Sie stand an der Tür, unterdrückte ein Gäh