»Willst du wirklich für immer alleine bleiben, Desiree?« Gesa von Treuen sah ihre Freundin mit sanftem Tadel an.
Die Angesprochene war eine junge Frau mit lebhaft blitzenden Augen. Sie hob verwundert den Kopf, sodass ihre langen blonden Haare schwungvollüber ihre Schultern nach hinten fielen.Desiree von Rothmann stand auf dem Anhänger des Koffers, derüber ihr im Gepäcknetz lag.
»Wie kommst du darauf, dass ich alleine bleiben möchte?«
»Weil du allen Verehrern einen Korb gibst.« Die brünette Grafentochter schloss die Hände um einen Pappbecher mit heißem Tee.»Erst gestern hat mich Philipp angerufen und mir erzählt, dass er bei dir abgeblitzt ist. Er war am Boden zerstört.«
»Oh!«, rutschte es Desiree heraus.
»Genau!« Ihre Freundin sah sie vorwurfsvoll an.»Was stört dich an ihm? Philipp von Straaten wird nicht nur eines Tages Baron sein, sondern auch einem gewaltigen Handelsimperium vorstehen. Außerdem ist er verrückt nach dir. Warum gibst du ihm nicht wenigstens eine Chance?«
Die Fürstentochter antwortete nicht gleich. Gedankenverloren strich sie sich durchs Haar und blickte aus dem Zugfenster. Der Intercity-Express rauschte in Windeseile an einsamen Bauernhöfen, tief verschneiten Feldern und schmalen Waldstrichen vorüber. Der Zug war nur spärlich besetzt, sodass die Freundinnen ein Abteil für sich hatten.
»Philipp ist ein netter Kerl«, gab Desiree schließlich zurück,»aber ich liebe ihn nun mal nicht.«
»Vielleicht kennst du ihn einfach noch nicht gut genug. Verabrede dich doch mal mit ihm, lerne ihn richtig kennen. Dann ergibt sich alles Weitere von selbst!«
»Du bist immer so optimistisch.«
»Und du musst dir endlich mal einen Ruck geben und die alten Geschichten vergessen. Ich glaube wirklich, dass ihr beiden, Philipp und du, gut zusammenpassen würdet.«
»Nein, Gesa«, wehrte Desiree ab.»Manche Menschen sind nicht für Beziehungen geschaffen. Und zu denen gehöre ich.«
»Unsinn! Woher willst du das wissen?«
»Aus Erfahrung. Also hör bitte auf, mich verkuppeln zu wollen!«
»Willst du denn nicht wissen, wie ein Leben voller Liebe aussieht? Du bist einsam, und das solltest du nicht sein. Du bist doch erst vierundzwanzig!«
»Ich werde nie wieder zulassen, dass ein Mann auf meinen Gefühlen herumtrampelt«, erwiderte Desiree leise.
»Eine Garantie auf Glück gibt es leider nicht«, gab ihre Freundin zu.»Was glaubst du, welcheÄngste und Zweifel ich anfangs hatte, ob es mit Thomas und mir gut geht. Und nun …«
Sie brach ab und strich sich mit leuchtenden Augenüber den gewölbten Leib, der verriet, dass ihr Mann und sie in wenigen Wochen Eltern sein würden.
»Ich freue mich so für dich, dass du den Richtigen gefunden hast«, erwiderte Desiree warm.
»Auf dich wartet‚Mister Right’ auch irgendwo da draußen!« Gesa deutete vage mit der Hand aus dem Zugfenster.»Deine Eltern sind das beste Beispiel für eine glückliche Beziehung.«
Die Miene der Fürstentochter wurde weich. Es stimmte, ihre Eltern führten seit nahezu fünfundzwanzig Jahren eine harmonische Ehe. Die ausgeglichene Art der Fürstin ergänzte das energische Temperament ihres Mannes perfekt.
»Wann warst du eigentlich das letzte Mal aus, Desiree?«
»Letzte Woche war ich mit einigen Kollegen im Theater.«
»Das zählt doch nicht. Ich meine ein Rendezvous! Wann hattest du das letzte Mal eine Verabredung?«
»Vor einer Weile …«
»Also vor Monaten bestenfalls.« Gesa seufzte tief auf.»Das neue Jahr hat gerade erst angefangen. Versprich mir, dich in Zukunftöfter zu verabreden. Gib der Liebe noch eine Chance!«
»Lieber nicht. Unverbindliche nette Abende – das ja, aber mehr will ich nicht«, wehrte Desiree ab.»Zu mehr fehlt mir auch die Zeit. Meine Arbeit füllt mein Leben völlig aus.«
Sie hatte ihr Studium der Betriebswirtschaft in Rekordzeit abgeschlossen und arbeitete seit einem Jahr in der Reederei ihrer Eltern mit. Sie betreute die Handelskunden, die ihre Waren von einem Teil der Welt in einen anderen verschiffen lassen wollten. Deswegen war sie oft beruflich unterwegs und lernte ständig neue Menschen kennen. Doch sie vermied engere Beziehungen, und das aus gutem Grund …
»Was für ein schöner Zufall, dass wir beide uns am Bahnhof getroffen haben«, riss ihre Freundin sie aus ihren Gedanken.»Wie lange bleibst du bei deinen Eltern?«
»Das weiß ich noch nicht. Ich habe keine Ahnung, warum sie mich so plötzlich nach Hause rufen.«
»Vielleicht haben sie mal wieder einen Heiratskandidaten für dich auserkoren?«
»Hoffentlich nicht!«
»S