: Michael-André Werner, Volker Surmann
: Niemand hat die Absicht einen Tannenbaum zu errichten Weihnachtsgeschichten aus Berlin
: Satyr Verlag
: 9783944035246
: 1
: CHF 8.00
:
: Anthologien
: German
: 159
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Weihnachten und Berlin, das passt einfach nicht zusammen: Hedonistische Partymetropole, Kodderschnauze und das besinnliche Fest der Liebe? Nein, das geht nicht. Und doch holt der Hauptstädter im November die Lichterketten aus dem Keller und schmückt seinen Balkon bis zur Unkenntlichkeit. Irgendwie geht es nämlich doch.Auch wenn in Berlin so recht niemand etwas mit dem Weihnachtsfest zu tun haben will, die Nordmanntannen sind am 24.12. trotzdem alle ausverkauft. Über dreißig Autorinnen und Autoren aus der Lesebühnenszene der Hauptstadt entführen in die geheime Welt der Original Berliner Weihnacht. Und nicht alles ist einfach so ausgedacht. Das Interview mit dem Weihnachtsmann vielleicht schon, aber nicht, was die Ureinwohner an den Festtagen machen, wenn die Zugezogenen heim nach Westdeutschland fahren. Oder die Geschichte, wo ... aber das wird nicht verraten. Schließlich ist Weihnachten das Fest der Überraschungen. Erst recht in Berlin, denn das ist für Überraschungen immer gut.

Unkonventionelle und skurrile Weihnachtsgeschichten von Manfred Maurenbrecher, Kirsten Fuchs, Heiko Werning, Lea Streisand, Martin 'Gotti' Gottschild, Daniela Böhle u.v.a.m.

1

Weihnachten einerseits, Glaube an Gott andererseits, miteinander vereinbaren lassen sie sich nicht. So sehen’s Adventisten und Zeugen Jehovas, die beide kein Weihnachtsfest begehen. So empfinden’s Muslime in Deutschland, denen nicht einleuchtet, dass an Weihnachten jede Fabrik stillliegt, während den Ramadan hindurch knallhart gearbeitet werden muss. Und so seh auch ich das. Ich bin fünfzehn, Gymnasiast, Weltverbesserer, Protestprediger. Ich hab mir ein Bild von Jesus zusammengebaut, das ihn als schroffen, zornigen Kritiker zeigt, ein Vorbild. Weihnachten dagegen, die Forderung, sich freundlich-fröhlichfeierlich zu geben– was hat das mit Jesus zu tun?

Oder mit Franz von Assisi, dem Existenzialisten? Der hat empfohlen, lieber in Landschaften und Bäumen zu lesen als in Büchern. Lektüre von Landschaften statt von Lettern, diesem franziskanischen Bildungsprogramm entsprechend stiefle ich durch vereiste Hügel und Wälder, die meine kleine Heimatstadt umgeben. Botschaften entziff’re ich in den Schriftzeichen tintenschwarzerÄste vorm Hintergrundweiß. Abends zwingt mich mein Rückweg durch eine Altstadt, die immer wieder zu hören bekommt, dass sie hübsch sei.

Jetzt im Dezember zeigt sie sich zugedröhnt. Glühweindunst, Gasflammen, Scheinwerferkegel und Musik umrahmen eine Verstopfung aus unerbittlich hochgestimmten Erwachsenen. DieHotwolee– in besserer Stimmung hätte ich gesagt: die Eltern meiner Schulkameraden– konsumiertüberteuerte Luxusartikel. Denn als solche veracht’ ich in meiner Protesthaltung selbst Grog und Popcorn.

Meine persönliche Weihnachtskatastrophe, sie ereignet sich alljährlich. Nicht in Gestalt eines Christbaumbrands, einer verschmorten Gans, eines Glatteisunfalls– Katastrophen dieser Art hätt’ ich geradewegs begrüßt. Meine Katastrophenweihnacht erwächst aus dem Ausbleiben solcher Katastrophen; besteht eben in Weihnachten, so wie es ist. Schmuck, Schminke, Schmand– ich muss raus hier.

2

Jetzt bin ich einundzwanzig, ich zieh um. Stuttgart, West-Berlin und Zürich haben mir einen Studienplatz angeboten, ich entscheide mich für den Ort, der die günstigste Mietwohnung bieten kann. Nun wohn ich in Berlin-Neukölln, dem unbeliebtesten Bezirk der Insel-Großstadt. Neukölln hat sich diesen Statusüber lange Jahre erarbeiten müssen und sich allmählich ein miserables Image verschafft. Zum Glück! Schließlich erweist sich alles, was zum miesen Ruf Neuköllns beitrug, als Trumpf für mich. Der viele Schmutz hier– das bedeutet, dass ich die Möbel meiner Wohnungseinrichtung durchweg auf dem Gehsteig einsammeln kann, in nächster Nähe. Das Publikum hier sei heruntergekommen– das bedeutet: temperamentvolle Nachbarn, die sich nicht an bürgerlichen Lebensrhythmen orientieren, auch an Weihnachten nicht. Alles Verrufene zusammen bedeutet, dass sich Weihnachten nicht mehr grauenvoll anfühlt. Sondern, für mich: christlich.

Was schadet’s, dass sich der Schneematsch giftiggelb und kitschrot verfärbt zeigt unter Tausendschaften blinkender Plastikweihnachtsmänner, die in den Fenstern der Nachbarwohnungen ranken? Besser ehrlicher Kitsch als luxuriöser Glühwein. Und endlich entdecke ich ihn, meinen Zufluchtsort, meine Kapelle der Andacht:

Am Kottbusser Damm hat sich ein Ladengeschäft eingerichtet, dessen Inneres an ein Dentallabor erinnert. D