6. Kapitel
"Singen Sie das mal"
Karin wohnte noch bei ihrer Mutter, Auguste; ihr Bruder Marcel, der aber von allen nur Max genannt wurde, hatte im selben Haus in der Westendstraße in Wiesbaden eine Wohnung. Er war als Kriegsversehrter aus dem Zweiten Weltkrieg zurückgekommen und konnte nicht mehr arbeiten. Er hatte einen Lungendurschuss erlitten und hatte einen Zugang in der Brust für Medikamente, musste einen Verband tragen und die Wunde jeden Tag säubern und den Verband wechseln. Da ich bei der Air Force eine medizinische Ausbildung zum Sanitäter durchlaufen hatte, konnte ich ihm dabei helfen. Das war quasi meine erste direkte persönliche Berührung mit den Folgen des Zweiten Weltkriegs. Als ich 1957 im Sommer nach Deutschland gekommen war, hatte ich nicht darüber nachgedacht, dass die Deutschen vor nur etwa zwölf Jahren noch der„Feind“ gewesen waren und mit den Amerikanern im Krieg gelegen hatte.
Marcel sprach kein Englisch, ich sprach noch nicht richtig Deutsch, eine Unterhaltung war nicht wirklich möglich. Aber er hat mir den Fußball erklärt, bei der Weltmeisterschaft 1958, die damals in Schweden stattfand. Ich fragte auf Englisch, und er erklärte mir die Regeln in Deutsch und mit Händen und Füßen. Brasilien wurde Weltmeister mit dem damals 17-jährigen Pele, und er hat meine Begeisterung für den Fußball geweckt. Ich war ja ein begeisterter Baseball-Spieler gewesen, wollte eigentlich Baseball-Profi werden, aber ich war nicht gut genug.
Einmal saßen wir in seinem Wohnzimmer und sprachenüber meine Musiker-Karriere bei den Del Vikings undüber unsere Erfolge mit„Come Go With Me“,„Whispering Bells“ und„Cool Shake“. Ich zeigte ihm Zeitungsausschnitte, wo uns die goldene Schallplatte für„Come Go With Me“überreicht wurde.„Come Go With Me“ war 1957 auch in den deutschen Charts. Wir waren mit der Platte die Nummer eins gewesen in Johannesburg in Südafrika, in Tokio ...
„Mensch, du bist so ein toller Musiker, du hattest so viel Erfolg in Amerika. Wieso willst du es nicht hier probieren mit der Musik?“
„Aber ich kenne hier keinen Produzenten und keine Plattenfirma. Wie soll ich das machen?“
Da ging er zum Schrank mit den Schallplatten und zog eine Platte von Freddy Quinn heraus– als großer Freddy-Quinn-Fan hatte er jede Menge Platten von ihm.„Polydor“ las er vor.„Da schreibst du hin“, entschied er.
Karin und Max halfen mir also, einen Brief an die„Polydor Hamburg“ aufzusetzen.„Sehr geehrte Damen und Herren, ich bin ein amerikanischer Rhythm& Blues-Sänger und habe in Amerika mit der Band„The Del Vikings“ und„Come Go With Me“ großen Erfolg gehabt. Inzwischen lebe ich in Deutschland…“ Dann legten wir den Zeitungsausschnitt mit dem Foto vomÜberreichen der goldenen Schallplatte bei– und warteten, was passieren würde.
Es dauerte keine zwei Wochen, da kam ein Brief mit einerösterreichischen Briefmarke, ein Schreiben aus Wien, von der Musikproduktion Süd:„Die Polydor Hamburg hat Ihr Schreiben an uns weitergeleitet ...“ Ob ich Interesse hätte, auf Deutsch zu singen. Ja, dachte ich, ich hätte Interesse, auf Deutsch zwei Bier zu bestellen. So stand es mit meinen Deutschkenntnissen. Jedenfalls bekam ich kurz darauf eine Einladung vom Produzenten Gerhard Mendelsohn von der„Musikproduktion Süd“, die für die Polydor Hamburg produzierte. Er schlug ein Treffen im„Königshof“ in München vor, und ich fuhr mit dem Zug von Frankfurt nach München und begab mich dorthin. Wir trafen uns in der Halle des Hotels. Gerhard Mendelsohn, untersetzt, breitschultrig, rote Haare, rauchend, er rauchte Kette, wie ich feststellte, musterte mich jungen Burschen prüfend. Ich hatte ihm Platten von meiner Gruppe The Del Vikings mitgebracht, und er versprach, sich wieder bei mir zu melden. Zwischendurch bekam er einen Hustenanfall, dass ich dachte, er tut jeden Moment seinen letzten Schnaufer, doch das hinderte ihn nicht am Rauchen.
„Siehst du, das klappt schon“, sagte Max nur, als ich wieder zurück war.
Ich hatte meine Zweifel, doch schon kurz darauf bekam ich eine Einladung nach Wien, um Probeaufnahmen zu machen. Ich konnte es nicht fassen. Vielleicht konnte ich ja doch mit Musik mein Geld verdienen. Gelernt hatte ich ja nichts, keinen„richtigen“ Beruf. Bei der Luftwaffe in Pittsburgh hatte ich eine medizinische Ausbildung zum Sanitäter gemacht, EKGs, Blutabnahme, Spritzen geben, hatte im Labor gearbeitet, in der Apotheke und bei Flugtauglichkeitsuntersuchungen der Soldaten. Irgendwie musste ich ja nun auch hier Geld für die Familie verdienen.
Also fuhr ich nach Wien. Im Keller des Wiener Konzerthauses, wo die Firma Polydor ihre Plattenaufnahmen machte. Sie zeigten mir einen Song:„Have you ever had the Blues“.„Wir haben einen deutschen Text dazu:Ich bin traurig, wenn du gehst. Singen Sie das mal.“
Der sehr nette Wiener, der auch Gerhard hieß, sprach mir alles phonetisch vor, ich zimmerte mir den sperrigen deutschen Text nach meinem eigenen phonetischen Empfinden zurecht undübte die Aussprache. Es sind viele Tricks nötig, um deutsche Wörter so auszusprechen, dass sie verständlich sind.„Erinnerung“ ist auch so ein Eiger-Nordwand-Wort. Aber ich stellte fest, dass es eigentlich drei Wörter sind: Er-inne-rung. Und dann ging es. Nur nicht zu schnell.
Auf die Rückseite sollte die deutsche Fassung des Elvis Presley-Hits von 1959„A Fool such as I“ kommen, zu Deutsch:„Ab und zu“.
Die Charts in Deutschland waren in den 1950er Jahren fast gänzlich bestimmt von englischen und amerikanischen Titeln. Von Chuck Berry, den Everly Brothers mit„Bye, bye Love“, Pat Boone, Buddy Holly, Harry Belafonte mit dem„Banana Boat Song“, man kann sie gar nicht alle aufzählen– und dazwischen der deutsche Schlager mit Freddy Quinn,„Heimatlos“, oder mit Peter Alexander und natürlich mit Peter Kraus und„Hula Baby“, irgendwie ganz verstreut.
Da war