Johann Prinz von Heistercamp blickte um sich und seufzte. Alles, was ihn umgab, kündete von kultiviertem Reichtum und Luxus: der mächtige Schreibtisch, die Teppiche in seinem großzügigen Arbeitszimmer, die Bilder an den Wänden, die kleine Tänzerin aus Porzellan, die auf dem schimmernden Holztisch stand … Doch es war eben diese gediegene Pracht, die ihn verstimmte.
Sein Blick blieb an einer goldgerahmten Fotografie hängen, die seinen Schreibtisch zierte. Die Komtess von Holtenstein war wunderschön und stammte aus einer derältesten Adelsfamilien Norddeutschlands.
Auch sie war das reinste Luxusgeschöpf. Leider hatte sie dort, wo andere Menschen ein Herz zu haben pflegten, nur einen Geldbeutel. Zu dieser Erkenntnis zumindest war Prinz Johann bezüglich des Charakters seiner Ex-Verlobten gekommen.
Mit einer entschiedenen Geste klappte er den Rahmen des Fotos zusammen und legte das Bild der schönen Komtess mit der Fläche nach unten. Er hatte keine Lust, sie länger zu betrachten.
Plötzlich schlug er mit der Faust auf den Tisch und erhob sich, um ans Fenster zu treten.
Unter ihm erstreckte sich der gepflegte Park von Schloss Heistercamp. Er konnte seine Mutter hören, wie sie sich mit dem Gärtnerüber die Rosen unterhielt. Offensichtlich stand zur Diskussion, ob man die Rosen zuschneiden sollte.
Prinz Johann entschloss sich, nach unten zu gehen, um mit seiner Mutter zu reden – nichtüber die Dornen der Rosen, sondernüber einen anderen Stachel, der ihm im Herzen saß.
Auf der Treppe begegnete ihm eines der Dienstmädchen, das einen Knicks andeutete.
»Warum knicksen Sie vor mir?«, fuhr er sie gereizt an.
Sie blickte ihn mit erschrockenen runden Augen an.
»Ich wollte Eure Durchlaucht nur begrüßen.«
»Ich bin nicht‚Eure Durchlaucht’«, schimpfte er.»Ich heiße Johann von Heisterkamp, und einen Knicks will ich auch keinen. Ich wünsche, wie ein normaler Mensch behandelt zu werden. Wir leben schließlich nicht mehr im neunzehnten Jahrhundert, und Sie sind hier für den Haushalt angestellt und spielen in keiner Operette mit!«
»Aber Ihre Frau Mutter hat angeordnet …«
Sicher. Das arme Ding hatte recht. Seine Mutter legte Wert darauf, dass die Angestellten sich respektvoll verhielten, wie sie das nannte.
»Ist schon gut.« Er winkte ab.»Würden Sie meiner Mutter bei dieser Gelegenheit vielleicht gleich ausrichten, dass ich Sie gern sprechen möchte?«
»Selbstverständlich.« Das Mädchen unterdrückte gerade noch rechtzeitig den Impuls zu einem weiteren Knicks und eilte stattdessen rasch nach unten.
Es dauerte nicht lange, und Marietta Fürstin von Heisterkamp kam nach oben. Obwohl sie bereits ihr fünfzigstes Lebensjahrüberschritten hatte, war sie immer noch eine sehr gut aussehende Frau. Bis auf ihr grau gewordenes Haar, das sie in leichten Wellen trug, wirkte sie jugendlich und schlank.
»Du wolltest mich sprechen?«, erkundigte sie sich.
»Ja. Es wäre schön, wenn du ein paar Minuten für mich erübrigen könntest.«
»Selbstverständlich. Lass uns doch in den Salon gehen.«
Fürstin Marietta nahm auf einem der mit geblümtem Chintzüberzogenen Chippendale Sessel Platz und blickte ihren Sohn erwartungsvoll an. Dabei versuchte sie, sich die Anwandlung von Stolz, die sie bei seinem Anblick empfand, nicht ansehen zu lassen.
Prinz Johann war ihr einziges Kind, und er war ihr nach dem frühen Tod ihres Mannes ganz besonders ans Herz gewachsen. Sie wollte, wie alle Mütter, das Beste für ihren Sohn und legte großen Wert darauf, dass man ihn als den Erben der Heistercamp-Werke anerkannte und er seiner Rolle als»Kronprinz« gerecht wurde.
Nun stand er vor ihr, groß, schlank und ernst, ja fast ein wenig düster dreinschauend – ein sicheres Zeichen dafür, dass ihm etwas nicht passte.
»Nun, um was geht es?«, erkundigte sie sich.
Prinz Johann trat an den in der Ecke stehenden Getränkewagen, um für sich und seine Mutter ein Sodawasser einzuschenken.
»Danke«, sagte Fürstin Marietta, während sie das ihr gereichte Glas entgegennahm.
»Bitte.«
Sie schwiegen einen Augenblick lang.
»Nun sag schon, was los ist«, forderte die Fürstin ihren Sohn dann auf.
Er ging in langen Schritten auf und ab, bis er schließlich vor dem Platz seiner Mutter stehen blieb.
»Ich habe es satt«, erklärte er.
Sie zog die Augenbrauen nach oben.
»Was, bitte schön, hast du satt?«, wollte sie wissen.
»Mein ganzes prinzliches Dasein«, entgegnete er nicht ohne Heftigkeit.»Ich will nicht länger Millionär sein, ich will nicht länger Juniorchef der Sport- und Golfartikelfirma Heistercamp sein, und ich will nicht länger Prinz sein!«
»Du lieber Himmel!«, rief die Fürstin, indigniertüber diese Anwandlungen ihres Sohnes, aus.»Was willst du denn dann sein?«
»Ich will einfach nur Mensch sein. Ein ganz normaler Mensch, ohne Titel und ohne Millionen.«
Fürstin Heistercamp schüttelte sichtlich irritiert den Kopf.
»Das sind doch sehr bescheidene Wünsche …«, meinte Prinz Johann zu seiner Verteidigung.
»Das schon, aber sie sind doch auch reichlich unrealistisch«, gab seine Mut