: Friedrich Wilhelm Graf
: Kirchendämmerung Wie die Kirchen unser Vertrauen verspielen
: Verlag C.H.Beck
: 9783406613807
: Beck'sche Reihe
: 1
: CHF 7.60
:
: Christliche Religionen
: German
: 192
: Wasserzeichen/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Die Kirchen in Deutschland erleben eine beispiellose Austrittswelle. Was läuft schief? Nur auf die Missbrauchsskandale zu verweisen greift zu kurz. Die Gründe liegen tiefer. Friedrich Wilhelm Graf analysiert in diesem Buch sieben Kardinal-Untugenden der Kirchen: die verquaste Sprache der Theologen, den selbstgerechten Moralismus der Funktionäre, die Bildungsferne der Gottesdienste, die Demokratievergessenheit politischer Interventionen, die weltfremde Selbstherrlichkeit der Würdenträger, den Abschied von einem pluralistischen Christentum sowie den Sozialpaternalismus kirchlicher Sozialmanager. Diese Analyse der kirchlichen Missstände ist längst überfällig. Sie will wachrütteln, damit die Kirchen ihrer gesellschaftlichen Aufgabe in Zukunft besser gerecht werden.

Friedrich Wilhelm Graf, geb. 1948, ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität München und nimmt daneben zahlreiche weitere Aufgaben wahr, u.a. als Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Wissenschaften. Als erster Theologe wurde er 1999 mit dem Leibniz-Preis der DFG ausgezeichnet. Seine kirchenkritischen Einsprüche in großen Zeitungen haben ein lebhaftes Echo gefunden.

Die sieben Untugenden
der Kirchen heute


Zum Weihnachtsfest 1965 schenkten meine Eltern mir Ralf DahrendorfsGesellschaft und Demokratie in Deutschland. Begeistert las ich erstmals ein soziologisches Buch. Allerdings war ich bald überrascht: In den klugen Analysen des langen deutschen Wegs in die Moderne kamen so wichtige gesellschaftliche Akteure wie die beiden großen Volkskirchen nur am Rande vor. Zwar rechnete Dahrendorf die «Herren der Kirche» den Mächtigen im Lande zu, und in den zumeist aus der Unterschicht rekrutierten katholischen Bischöfen sah er eine «höchst exzentrische deutsche Elite». Auch deutete er den Abbau der Sozialkontrolle der Kirchen «über das außerreligiöse Verhalten ihrer Mitglieder» an. Doch ansonsten fiel dem brillanten Analytiker der deutschen Verhältnisse zu den Kirchen nicht viel ein.

Damit kann Dahrendorf als repräsentativ für die deutschen Sozialwissenschaften gelten. Für jene Disziplinen also, mit deren Hilfe sich moderne Gesellschaften selbst zu beobachten versuchen. Doch im Fall der Kirchen wurde der methodisch kontrollierte Blick von außen weithin unterlassen. An die kurze Blüte der Kirchensoziologie im Westdeutschland der fünfziger bis siebziger Jahre – genannt seien für den Katholizismus nur Franz-Xaver Kaufmann und für den Protestantismus Trutz Rendtorff und Karl-Wilhelm Dahm – haben in den letzten dreißig Jahren bloß einige wenige soziologisch arbeitende Theologen wie Karl Gabriel, Michael N. Ebertz, Karl-Fritz Daiber und Detlef Pollack produktiv erinnern können. Die deutschsprachige akademische Soziologie selbst zeigt an Kirchensoziologie keinerlei Interesse, so dass sie Macht und mentale Prägekraft der Kirchen notorisch unterschätzt.

Auch im medialen Diskurs lässt sich viel Kirchenignoranz beobachten. So wissen die Deutschen über ihre Kirchen nur wenig. Desto überraschter waren sie im Frühjahr 2010 über die skandalösen Zustände in vielen kirchlichen, keineswegs nur katholischen Schulen, Internaten und Ordensgemeinschaften. Offenkundig geht es in den Kirchen nicht anders zu als in sonstigen zivilgesellschaftlichen Organisationen des Landes. Doch weshalb sollten die Kirchen besser als der Rest der Gesellschaft sein?

Die Antwort lautet: Beide großen Kirchen treten seit den Anfängen der Bundesrepublik gern mit einem starken moralischen Mandat auf. Sie haben ein «prophetisches Wächteramt» gegenüber Staat und Gesellschaft reklamiert, sich selbst die Rolle eines Hüters der öffentlichen Sozialmoral zugeschrieben und bei allen möglichen Konflikten suggeriert, über hilfreiches Orientierungswissen und konstruktive Problemlösungskompetenz zu verfügen. In politisierender Funktionsökumene haben sich die Kirchen fortwährend ins politische Geschäft «eingemischt», ohne dass ihnen der demokratische Souverän oder die Kirchenmitglieder ein allgemeinpolitisches Mandat erteilt hätten.

Ihre Rhetorik von Werten, sittlichen Prinzipien, göttlichen Geboten und christlichem Menschenbild verstärkt nun gerade jene tiefe Vertrauenskrise, die weithin die Beziehungen zwischen den Kirchen und der Öffentlichkeit überschattet. Nur 17 oder 20 Prozent – je nach Umfrage – der Katholiken halten ihre Kirche noch für eine vertrauenswürdige Institution. Bei den Protestanten sieht es nicht viel anders aus. Hier wie dort wirft man leitenden Kirchenvertretern Heimlichtuerei, Misswirtschaft und Verlogenheit vor. Mitleid haben sie deshalb nicht verdient. Denn die «Kirchenführer» tragen für die Kirchenkrise entscheidend Verantwortung, lassen kaum Bereitschaft zu einer realistischen Sicht der gesellschaftlichen und kirchlichen Verhältnisse erkennen und sind mit wenigen Ausnahmen zu gebotener Selbstkritik außerstande. Bestaunen konnte die deutsche Öffentlichkeit im Jahr 2010 auch einen erschreckenden Mangel an Professionalität im Krisenmanagement des kirchlichen Leitungspersonals.

Gut 60 Prozent der Deutschen gehören den beiden großen christlichen Volkskirchen an, mit deutlichen Unterschieden zwischen Ost und West. Im deutschen Sozialstaatskorporatismus sind die Kirchen sehr mächtige Organisationen. Schon einige wenige Daten zur «kirchlichen Statistik» lassen erkennen, wie stark Sozialstaat und Gesellschaft von funktionstüchtigen Kirchen abhängen. Die evangelischen Landeskirchen beschäftigten Ende 2007 216.000 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, darunter gut 22.000 Pfarrerinnen und Pfarrer; der Frauenanteil in der Pfarrerschaft lag 2009 bei 33 Prozent. Die protestantische Diakonie gibt knapp 224.000 Vollzeit- und 212.000 Teilzeitbeschäftigen Arbeit. Die römisch-katholische Kirche beschäftigte 2009 in den 27 deutschen Bistümern 13.158 inkardinierte, den jeweiligen Bistümern angehörende Weltpriester, unter ihnen 105 Bischöfe, 1492 Priester aus anderen, also ausländischen Bistümern, 2209 Ordenspriester sowie 2972 ständige Diakone, 4500 Gemeindeassistenten beziehungsweise Gemeindereferenten (davon sind 3513 Frauen) und 3081 Pastoralassistenten, also ein geistliches Personal von gut 27.200 Hauptamtlichen. Hinzu kommen 3192 Ordenspriester, die nicht in Bistümern, sondern in Ordensinsti

Cover1
Zum Buch2
Über den Autor2
Titel3
Impressum4
Inhalt5
Die sieben Untugenden der Kirchen heute7
Erste Untugend: Sprachlosigkeit31
Protestantische Wortkultur: Ein Niedergang31
Tumult im Theotop: Die Krise akademischer Theologie39
Unkulturprotestantismus: Die bayerische Landessekte und ihre «Hochschule»43
Zweite Untugend: Bildungsferne49
Pfarrer in der Moderne: Funktionselite oder Subkultur?50
Neumodische Verkündigung: Von der Predigt zur Symbolhandlung56
Dritte Untugend: Moralismus65
Paternalismus: Die Kirchen und das Sterben65
Moral ist keine Religion: Der Fall der Margot Käßmann69
Alle Jahre wieder: Nur billige Trivialmoral73
Vierte Untugend: Demokratievergessenheit77
Moralagenturen im modernen Verfassungsstaat77
Alte Demokratiefeindschaft79
Religiöse Akteure im öffentlichen Diskurs83
Kirchliche Besserwisserei90
Gleiche Freiheit aller93
Fünfte Untugend: Selbstherrlichkeit99
Von den Neigungen der Kleriker99
Mein Tun ist nicht von dieser Welt: Benedikt XVI. und Joseph Ratzinger110
Immerwährender Stachel: Ökumene aus päpstlicher Sicht114
Sechste Untugend: Zukunftsverweigerung119
Abschied von der Volkskirche: Die neue Sehnsucht nach Gemeinschaft119
«Philisterglaube»: Wie bürgerlich darf das Christentum sein?146
Siebente Untugend: Sozialpaternalismus155
Diakonie und Caritas: Besitzstandsagenturen in der Ideenkonkurrenz155
Sozialfürsorge: Wie man die Opfer seines guten Willens abhängig hält159
Rheinischer Korporatismus: Staatsnahe soziale Dienstleistungen163
Ökonomische Eigenlogik der Religion: Die Grundeinsichten der Religious Economics167
In God we trust: Die Wirtschaftswissenschaft entdeckt den Sinn der Religion171
Community Care: Die protestantische Hochschätzung der Freiheit174
Professionalisierung: Autonomie anerkennen und steigern178
Epilog184
Literaturhinweise191