I. Geschichte
Auftakt: Die Entdeckung des Pergamonaltars und «einer ganzen Kunstepoche»
Das antike Pergamon an der kleinasiatischen Westküste ist nach seinem Untergang nie ganz in Vergessenheit geraten. Der Name des modernen Städtchens Bergama, das an der Stelle der antiken Stadt entstanden war, und die antiken Texte hielten die Erinnerung wach. Schon Pilgerreisende oder Kaufleute des Mittelalters, wie der italienische Humanist Cyriacus von Ancona (1391–1455), berichteten, daß sie die Ruinen der untergegangenen Stadt gesehen hätten. Aber erst im 19. Jh. begann die wissenschaftliche Erkundung durch gelehrte Reisende. Abenteurertum und der Ehrgeiz, für ihre Heimatländer Kunstschätze zu finden und die Museen zu füllen, waren oft die Motive dieser Expeditionen. Entsprechend knapp blieben meist die Berichte, aber es gab auch Liebhaber der Antike, denen an der Dokumentation der Monumente lag. Für Pergamon sind neben den 1809 publizierten Arbeiten von Marie-Gabriel Choiseul-Gouffier jene von Charles Texier zu nennen, der von 1833 an weite Teile der kleinasiatischen Küste bereiste und seine Erkundungen in seinerDescription d’Asie Mineure 1838 bis 1849 veröffentlichte.
Die eigentliche Entdeckung Pergamons erfolgte wie ein Paukenschlag. So wie die Ausgrabung Troias ohne die Beharrlichkeit Heinrich Schliemanns schwerlich vorstellbar ist, so steht auch am Beginn der Entdeckung Pergamons das Engagement und die Ausdauer eines Laien, aber echten Liebhabers der Antike, nämlich Carl Humanns (1839–1896). Kurz nach der Mitte des 19. Jh.s war der Deutsche als Vermessungsingenieur und Bauleiter vom türkisch-osmanischen Staat mit dem Bau einer Küstenstraße beauftragt worden. Die Trasse sollte von Norden kommend an der kleinasiatischen Westküste entlang nach Smyrna, dem heutigen Izmir, führen, und das florierende Landstädtchen Bergama passieren.
Im Jahr 1869 verlegte Humann seinen Bauhof in diese Stadt und mietete sich dort eine Wohnung. Der Burgberg mit seinen antiken Ruinen, der als mächtiger Hügel über dem malerischen Bergama thront, hatte schon bei ersten Planungen des Straßenbaus 1865/67 seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Der Bauleiter war nämlich nicht nur ein Organisationstalent und Kenner von Land und Leuten, sondern auch an den antik