I. Dekolonisation als Moment und Prozess
«Dekolonisation» ist ein technischer und undramatischer Begriff für einen der dramatischsten Vorgänge der neueren Geschichte. Man kann diesen historischen Prozess mit einer Doppeldefinition fassen, die ihn nicht chronologisch unbestimmt hält, sondern eindeutig in der Geschichte des 20. Jahrhunderts verankert: Dekolonisation ist demnach
erstens die gleichzeitige Auflösung mehrerer interkontinentaler Imperien innerhalb des kurzen Zeitraums von etwa drei Jahrzehnten (1945–75), verbunden mit,
zweitens, der historisch einmaligen und voraussichtlich unumkehrbaren Delegitimierung jeglicher Herrschaft, die als ein Untertanenverhältnis zu Fremden empfunden wird.[1]
Alternative Definitionsversuche setzen andere Akzente. Der Historiker Prasenjit Duara etwa betont weniger den Zerfall von Imperien als denlokalen Machtwechsel in spezifischen Kolonien, wenn er Dekolonisation bestimmt als «den Prozess, durch den Kolonialmächte die institutionelle und rechtliche Herrschaft über ihre Territorien und abhängigen Gebiete an formal souveräne Nationalstaaten übertrugen, deren Regierungen aus den jeweiligen Ländern heraus gebildet wurden».