Es war ein warmer Morgen Anfang August, die Sonne schien golden in das Frühstückszimmer des Stadtpalais. Hier hatte sich die Fürstenfamilie Hohenstein zur ersten gemeinsamen Mahlzeit des Tages versammelt.
Fürst Heinrich, Familienoberhaupt und Vorstand der Hohenstein-Bank, eines traditionsreichen Hauses am Frankfurter Finanzplatz, unterhielt sich angeregt mit seinemälteren Sohn Bernhard. Der Prinz agierte im Bankhaus als die rechte Hand seines Vaters. Er war für die Großkunden zuständig und beriet den Fürsten bei jeder wichtigen Geschäftsentscheidung. Die beiden verstanden sich ausgesprochen gut, denn sie waren einander sehrähnlich – nicht nuräußerlich.
Prinz Bernhard wirkte wie die jüngere Ausgabe seines Vaters. Beide waren sie groß und stattlich, hatten dunkles Haar und kluge tiefblaue Augen. Fürstin Sophie scherzte desÖfteren, dass ihrÄltester so gar nichts von ihr geerbt habe, außer den Grübchen in den Wangen.
Die Fürstin, eine elegante Blondine, war feinsinnig und sehr kunstinteressiert. Geschäfte langweilten sie. Dies mochte unter anderem einer der Gründe sein, warum sie sich hervorragend mit ihrer Schwiegertochter verstand.
Prinzessin Nicolette, eine ausgebildete klassische Tänzerin, hatte ihre Karriere nach der Heirat an den Nagel gehängt – ihrem Mann zuliebe, der nicht nur konservativ dachte, sondern auch eifersüchtig sein konnte. Die schlanke Brünette mit den ausdrucksvollen Mandelaugen war nämlich Bernhards große Liebe.
Es hatte das Fürstenpaar sehr erstaunt, als die schöne Tänzerin im Leben des Prinzen aufgetaucht war, denn bis dato hatte Bernhard nur Geschäfte im Kopf gehabt. Doch als er Nicolette in einer Aufführung von»Schwanensee« bewundert hatte, war es um ihn geschehen. Er hatte sich – ganz entgegen seiner eher behäbigen Art – sozusagen Halsüber Kopf in sie verliebt.
Seither waren fünf Jahre vergangen, und die beiden führten eine glückliche Ehe, wenn diese auch kinderlos geblieben war. Die Fürstin bedauerte das, denn es bedeutete auf lange Sicht, dass Bernhards jüngerer Bruder Frederik für Nachkommen und den Erhalt des Namens zu sorgen hatte. Und danach sah es momentan leiderüberhaupt nicht aus.
Prinz Frederik war ein wenig das schwarze Schaf der Familie. Auch er arbeitete in der fürstlichen Bank, im Bereich Aktienhandel. Als Broker war er erfolgreich, sein Vater hielt große Stücke auf ihn, denn er schien ein untrügliches Gespür für Trends an der Börse und lukrative Geschäfte zu besitzen.
Privat tat der Prinz allerdings nur das, was er wollte. Seine blendende Erscheinung machte es ihm leicht, jede Frau zu erobern, die ihm gefiel. Und sie gefielen ihm alle.
Frederik war ein Filou. Nicht selten feierte er in seinem Lieblingsklub»Spotlight« die Nächte durch, meist begleitet von seinem besten Freund Harro Graf von Solm. Die beiden kannten sich noch aus gemeinsamen Schultagen und verstanden sich prächtig. Zudem waren sie Kollegen in der Hohenstein-Bank.
Auch am Vorabend hatten sie zusammen den Klub besucht, und Prinz Frederik war bis jetzt noch nicht aufgetaucht.
Fürstin Sophie warf nun einen ungehaltenen Blick auf die Uhr und fragte ihre Schwiegertochter:»Ist es wirklich schon halb neun? Kann mir mal jemand verraten, wo, um alles in der Welt, Frederik sich herumtreibt?«
»Ist er denn nicht zu Hause? Ich dachte, er hätte vielleicht verschlafen«, meinte Prinzessin Nicolette.
Sie mochte ihren charmanten Schwager und bewunderte im Stillen seinen ganz und gar unkonventionellen Lebensstil.
»Selbstverständlich nicht.« Die Fürstin lächelte schmal.»Er hat gestern Abend gegen zehn dieses Haus verlassen und sich seither nicht mehr blicken lassen. Heinrich, also ich finde, es wird wirklich Zeit, dass du mal ein Machtwort sprichst. So kann es doch nicht weitergehen. Frederik wird bald dreißig. Es ist an der Zeit, daran zu denken, dass er auch Pflichten hat – eine Familie zu gründen, zum Beispiel. Und wenn er sich weiterhin wie ein verzogenes Kind benimmt, fällt das letzten Endes auf uns zurück.«
»Lass ihm doch seinen Spaß, Mama«, meinte Prinz Bernhard nachsichtig.»Fredi war schon in der Schule ein Luftikus. Was alle anderen taten, hat ihn nie interessiert. Und auf Konventionen pfeift er. Aber warte ab, wenn ihm die Richtigeüber den Weg läuft, dann wird er von selbst vernünftig.«
»Du bist ein wahrer Optimist«, stellte die Fürstin ironisch fest.»Ich fürchte allerdings, in diesem Fall ist Optimismus wahrlich nicht angebracht. Frederik ist unverbesserlich und …«
»Sophie, bitte, nicht beim Frühstück«, monierte der Fürst leicht ungehalten.»Du hast Frederik nun schon sehr oft deine Meinung gesagt. Und da das nie Wirkung gezeigt hat …«
»Aus dem ganz einfachen Grund, weil du nicht hinter mir stehst«, beschwerte die Fürstin sich gekränkt.»Weil dein Sohn beruflich erfolgreich ist, drückst du ansonsten beide Augen zu. Aber das rächt sich, das sage ich dir!«
In diesem Moment hörte man von draußen einen schweren Motor, der sich rasch näherte. Heftiges Bremsen auf Kies, dann wurde eine Wagentür mit Schwung zugeworfen.
Gleich darauf ers