Kapitel 3
Jane´s Peak – von der Schimpansenforschung zur großen Liebe
Eine zweimotorige Propellermaschine bringt Jane Goodall nach Kigoma am Ostufer des Tanganjikasees, und dort wird sie bei der Landung von einem kleinen Empfangskomitee alter Freunde und Mitarbeiter erwartet und mit herzlichen Umarmungen begrüßt. Man begleitet sie bis zum Seeufer, wo schon eine Motorbarkasse für sie bereitliegt. Es ist heiß, die Sonne brennt vom Himmel und zaubert Millionen von Lichtreflexen auf die riesige Wasserfläche des Sees. Im flachen Uferbereich spielen Kinder, und ihre fröhlichen, unbeschwerten Stimmen erfüllen die Luft. Frauen waschen ihre Wäsche am Strand, und Fischer, die morgens ihren Fang eingebracht haben, gönnen sich auf ihren Booten eine kurze Erholung von den Anstrengungen der vergangenen Nacht. Jane Goodall nimmt diese Bilder in sich auf und stellt fest, dass sich gegenüber den vergangenen Jahren, wenn sie hierher kam, nichts Wesentliches geändert hat.
Zusammen mit ihrer Begleiterin Mary Mavanza und natürlich „Mr. H.“ besteigt sie die Barkasse und nimmt unter der Zeltplane Platz, die den Fahrgästen ein wenig Schutz vor den sengenden Strahlen der afrikanischen Sonne spenden soll. Während das Boot ablegt und langsam Fahrt aufnimmt, winken ihr die Menschen am Strand und die Kinder im Wasser freundlich hinterher, und sie winkt zurück. Man kennt sie hier in Kigoma, denn mit ihren Forschungsarbeiten hat sie diese Stadt und den nahegelegenen Gombe-Nationalpark weltbekannt gemacht.
Die Bootsfahrt dauert nicht lange, schon nach knapp zwei Stunden kommt das Gebiet des Nationalparks mit seinen sanften, dicht bewaldeten Hügeln in Sicht. Jane Goodall ist zurückgekehrt in ihre zweite Heimat. Wie schon Hunderte Male vorher in ihrem Leben geht sie wieder allein die vertrauten Pfade durch den lichten Dschungel, erfasst mit ihren aufmerksamen Blicken die Schönheit der üppigen Vegetation, lauscht dem Stimmenkonzert der Vögel, das aus den Baumkronen dringt, und zieht die samtweiche, vom intensiven Duft der Blätter und Blüten geschwängerte Luft tief in sich hinein.
„Wenn ich nach Gombe zurückkomme, hat das einen besonderen Zauber. Der besondere Duft der Bäume ... Und es liegt eine weiche Wärme in der Luft, die es anderswo überhaupt nicht gibt.“
Jane Goodall im Film „Jane´s Journey“
Durch ihr kleines Fernglas, das sie immer mitführt, erkennt sie in einem der Baumwipfel eine Gruppe Schimpansen, die in Schwindel erregender Höhe über die Äste balancieren. Wie von einer unsichtbaren Hand geleitet nimmt Jane Goodall den Weg zu dem Aussichtspunkt auf dem unbewaldeten Hügel, von dem aus sie damals das erste Mal in weiter Ferne einzelne Schimpansen erblickte und der heute den Namen „Jane´s Peak“ – Janes Gipfel – trägt. An diesem für sie beinahe magischen Ort kann sie am besten nachempfinden, wie sie sich vor fünfzig Jahren fühlte, sie, ein junges Mädchen von sechsundzwanzig Jahren, völlig auf sich gestellt und mit der Aufgabe betraut, fernab der Zivilisation freilebende Schimpansen zu beobachten. Wenig hat sich geändert hier oben gegenüber damals, sie kann weit über den Nationalpark und seine Wälder hinwegblicken, die immer noch so dicht sind wie zu der Zeit, als sie diesen Platz entdeckte.
Und wieder gehen ihre Gedanken zurück. Wie war es damals weitergegangen? Sie hatte zwar im Zuge ihrer Arbeiten sensationelle Erkenntnisse gewonnen, aber die Reaktionen aus der Fachwelt waren zwiespältig gewesen. Aus den Reihen etablierter Forscher wurde ihr unprofessionelles Verhalten vorgeworfen, ihre Entdeckungen seien aus wissenschaftlicher Sicht nichts wert, hieß es. Denn sie hatte den Schimpansen, deren Verhalten sie untersuchte, statt Nummern Namen gegeben und sie damit als denkende und fühlende Wesen anerkannt. Nach den damaligen Vorstellungen über die Verhaltensforschung war das absolut verpönt, Versuchstiere hatten anonym zu sein, und eine persönliche Beziehung zwischen Forscher und Forschungsobjekt durfte schon gar nicht entstehen.
Auf der anderen Seite hatte dieNational Geographic Society auf Betreiben von Louis Leakey einen Fotografen geschickt, Baron Hugo van Lawick, damit das, was Jane in Gombe tat, nicht nur einem begrenzten Kreis von Wissenschaftlern, sondern auch einer breiten Öffentlichkeit bekannt gemacht wurde.
Hugo van Lawick hatte damals bereits in Kenia für einen der ersten Tier-Dokumentarfilmer gearbeitet,