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»Komm, Tante Lulu, na komm.« Fanny stieß einen kurzen Pfiff aus. Und nur wenige Sekunden später sauste die kleine goldbraune Dackeldame um die Ecke des Hauses. Als sie Fanny sah, tänzelte sie übermütig auf der Stelle im Kreis herum und hechelte aufgeregt. Fanny lachte. »Verrückter Dackel«, sagte sie mit warmer Stimme, während sie dem Hund mit den Fingern durchs kurze Fell wuschelte. Sofort stieß Tante Lulu ein Freudengeheul aus. »Pst, leise. Du verrätst uns ja. Braucht doch niemand zu wissen, wo wir uns heimlich treffen«, zischte sie der Hündin ins Ohr, die sofort vom lauten Geheul in ein leises Gewinsel überging.Was für ein kluger Hund, dachte Fanny.
Flugs angelte sie ihren Rucksack, in den sie bereits eine Kanne Tee, einen Radiorekorder und das Stadtmagazin gepackt hatte, und schlich hinüber zum Atelier. Bevor sie die Tür öffnete, sah sie sich vorsichtig um. Niklas war zwar nach dem Mittagessen wieder gegangen, aber richtig sicher war man wohl nie vor ihm. Schon zu oft waren er und seine Freunde wie aus dem Nichts aufgetaucht, hatten den Mädchen aufgelauert oder ihnen nachspioniert. Ein letztes Mal spähte Fanny um sich – dann zwängte sie sich durch den schmalen Türspalt hinein in das Atelier und schloss ab.
»Puh, ist das eine Luft.« Fanny schob Mamas Farbtöpfe auf dem Fensterbrett zur Seite und klappte das Fenster auf. Dann rückte sie vier umgedrehte Kisten in die Mitte des kleinen Raumes, leerte ihren Rucksack aus und stellte Tee und Radio auf eine der Kisten. Gut gelaunt drehte sie die Musik auf Zimmerlautstärke und sog die Luft ein, die durch das geklappte Fenster ins Innere wehte und sich mit dem Geruch nach Farben und feuchter Erde vermengte.
Fanny liebte das Atelier, diesen kleinen Verschlag im hinteren Teil des Gartens, wo sie und ihre Mutter zwischen Rasenmäher und alten Blumentöpfen malten und bastelten, wann immer sie Zeit dazu fanden. Auf der Staffelei stand ein angefangenes Bild, das Mama nach einer von Fannys Fotografien malte. Es zeigte Tante Lulu, wie sie sich im letzten Herbst an einer Kastanie nicht sattsehen konnte, die ihre Stachelschale behalten hatte. Auf dem Foto hatte Lulu die Augen ungläubig weit aufgerissen. Bei der Erinnerung daran musste Fanny wie immer lachen. Noch größer waren Tante Lulus Augen geworden, als sie die Kastanienschale abgepult hatte und aus dem vermeintlichen Igelding ein prima Spielball geworden war.
Fanny setzte sich auf eine Kiste, dann wandte sie sich ungeduldig zur Tür. Wo Maria wohl blieb? Es musste doch schon längst Zeit sein. Und hoffentlich war sie vorsichtig …
Da, endlich klopfte es. Sechsmal kurz und sechsmal lang. Fanny zuckte erschrocken zusammen. »Maria?«, zischte sie und sprang auf. »Warum klopfst du nicht wie verabredet? Dreimal kurz …«, sie drehte den Schlüssel und öffnete die Tür.
»Machen wir doch«, lachte Kralle und stapfte vor Maria hinein. »Tataaa. Wir sind zu zweit. Und darum haben wir das Klopfzeichen einfach verdoppelt.«
»Na toll«, sagte Fanny genervt. »Wenn wir nicht aufpassen, haben wir ruckzuck einen Feind in unserem Versteck, das weißt du genau.«
»Feind?« Kralle stieß einen lauten Lacher aus. »Mir schlottern schon die Pobacken.« Mit Wucht ließ sie sich auf eine der Kisten fallen. »Habt ihr gesehen, wie Tobi gestern kuschte, als er mein Kissen an den Schädel bekommen hat?«, fragte sie und schenkte sich sofort einen Becher Tee ein. »Tolle Feinde, echt. Ach, und übrigens, Schwesterchen: Du solltest die Musik leiser drehen. Feinde wissen nämlich ganz genau, dass aus einer unbewohnten Gartenhütte keine Partymusik dröhnt.« Sie faltete ihre Beine zum Schneidersitz. »Und noch was«, sagte sie, »ich hab Maria zufällig draußen getroffen. Und mi