Johan Theorin
Die letzte Reise
Aus dem Schwedischen von Kerstin Schöps
In der Dunkelheit hört er seine Atemzüge, keuchend und stockend.
In der Erinnerung sucht er nach seinem Namen: Vasa Malmsten.
In seinem Inneren steigt eine unsägliche Übelkeit in ihm hoch. Sein Kopf vibriert noch von den harten Schlägen gegen Ohren und Stirn. Sein Blick ist verschwommen, die Nase gebrochen.
Vasa will sich übergeben, aber er spürt die Lederweste, die an seinen Schultern spannt, und erinnert sich daran, wie kostbar sie ist. Die Kutte muss sauber bleiben. Darum reißt er sich zusammen.
Wer hat ihn so zusammengeschlagen, bevor er ohnmächtig wurde? Das war er selbst gewesen. Sein Körper, fast hundert Kilo schwer, ist wie ein Gummiball zwischen dem Dach und den Seitentüren hin und her geflogen.
Vasa versucht, seinen Blick scharf zu stellen. Vor ihm ist eine gesprungene Windschutzscheibe. Ein verbogenes Lenkrad drückt ihm gegen die Brust, und seine Schultern werden gegen einen weichen Sitz gepresst.
Ein Auto. Er ist in einem Autowrack gefangen, das genauso lädiert ist wie er.
Es ist dunkel und kalt, der Motor läuft nicht.
Er ist nicht allein, neben ihm sitzt jemand auf dem Beifahrersitz. Ein lebloser Körper, der vornübergesunken im Sicherheitsgurt hängt.
Vasa streckt den Rücken durch, versucht, einen klaren Kopf zu bekommen.
In diesem Moment gerät der Wagen ins Schwanken. Das Blech knirscht.
Das Auto muss abgestürzt, aber noch nicht auf dem Boden aufgeschlagen sein, begreift Vasa. Es hängt mitten im Nichts und schaukelt in der Dunkelheit hin und her.
Er hält den Atem an und verkrampft sich – alles, was frei in der Luft hängt, muss früher oder später herunterfallen.
Aber nichts geschieht. Das Auto scheint sich an etwas festzuklammern.
Vasa atmet vorsichtig aus, er blinzelt. Was ist geschehen? Heute Morgen war noch alles in Ordnung, es war ein sonniger Tag, und er war mit seinem besten Kumpel unterwegs. Seinem einzigen Kumpel.
Vasa erinnert sich genau, wie Drake am Morgen aussah: stark und unerschütterlich. Pralle Muskeln, gerader, breiter Rücken, lange, geschmeidige Schritte. Drake bewegte sich wie ein Panther auf zwei Beinen, als sie den Parkplatz des Hotels überquerten. Vasa brauchte nur neben ihm zu gehen und spürte, wie diese unglaubliche Energie auf ihn überging.
Sie waren wie zwei Streitwagen, Vasa und Drake, unverwundbar. Als wären sie von einem unsichtbaren Schutzschild umgeben. Aus Panzerglas, ohne Riss, ohne Loch.
Vasa mochte dieses Gefühl. Bevor sie sich als Hangarounds bei denBrüdern kennenlernten, hatte er sich seinen eigenen Schutzpanzer gegen die Welt aufgebaut. Aber seit er mit Patrik Drake unterwegs war, wurde der Panzer immer dicker und stärker. Niemand konnte ein Loch hineinschlagen.
Vasa und Drake waren aus Stockholm nach Örebro gekommen und würden ein paar Tage in der Gegend bleiben. Eine kurze Geschäftsreise, wie immer. Sie fuhren einen anonymen Datsun, keine Motorräder. Ihre Kutten hatten sie dabei, aber die waren im Kofferraum verstaut.
Am Abend ihrer Anreise waren sie ein Steak essen gegangen und danach im Fitnessraum des Hotels Eisen fressen. Vasa hatte beim Bankdrücken hundertdreißig Kilo gestemmt. Drake hatte ihn beobachtet und gesagt, er würde mehr schaffen. Und das tat er auch, hundertfünfzig Kilo mit geschwollenen Adern. Daraufhin hängte sich Vasa das Doppelte auf die Beinpresse, um es ihm zu zeigen. Er grinste Drake an, und sie gaben sich ein High Five.
Gegen halb elf gingen sie zu Bett. Um sieben standen sie auf. Zeit zu arbeiten.
Viertel nach acht fuhr Drake vom Hotelparkplatz, Vasa saß auf dem Beifahrersitz. Er schielte zu Drake hinüber, aber sein Partner starrte stumm geradeaus auf die Straße.
So war Drake, verschlossen. Er ließ seine Blicke sprechen. Wenn er jemandem seinen Willen aufzwingen wollte, starrte er ihn einfach in Grund und Boden, bis er sein Ziel erreicht hatte. Dieses Talent hätte Vasa auch gern gehabt.
Vasa zieht die Nase hoch, es tut unglaublich weh. Warmes Blut läuft ihm die Kehle hinunter.
Er tastet nach dem Hebel und schaltet die Scheinwerfer ein. Doch nichts geschieht.
Er dreht den Kopf nach rechts; neben ihm sitzt ein Mann. Eine männliche Leiche mit einem zerrissenen, blutgetränkten Pullover.
Vasa erinnert sich wieder, er war dabei, als der Mann starb.
Dann dreht er den Kopf nach links und schaut aus dem Fenster. Tief unter ihm sieht er eine glitzernde Wasseroberfläche. Wie ein großer Brunnen.
Nein, es ist kein Brunnen. Direkt neben der Beifahrertür erhebt sich eine Steilwand, uneben und von glänzendem Eisenerz durchzogen.
Er befindet sich in einem stillgelegten Steinbruch, dessen Wände fast senkrecht in die Tiefe stürzen.
Jetzt erinnert Vasa sich wieder.
Der Steinbruch sollte alle ihre Probleme lösen.
Plötzlich geht ein schwaches Licht im Wageninneren an. Vasa sieht sich vorsichtig um, die Lichtquelle befindet sich im Fußraum unterm Steuer. Sein Handy liegt dort. Das Display leuchtet und taucht den Innenraum in einen weißen Schimmer.
Er streckt den Arm aus und greift nach dem Handy. Der Akku ist fast leer, das Batteriesymbol ist rot.
Er geht ran. «Hallo?»
Eine ruhige Stimme antwortet: «Du lebst also noch.»
Vasa schluckt Blut. Er kennt die Stimme.
Vasa erinnert sich an die Autofahrt mit Drake. Eine angenehme Geschäftsreise.
Am Anfang drehten sie ihre Runden durch Örebro. Vasa kannte die Stadt gut, seine Großmutter hatte dort gelebt, er selbst war in einem Ort nur etwa 50 Kilometer nördlich davon aufgewachsen. Als Kind hatte er in den Wäldern gespielt, zwischen den Felsen und stillgelegten Steinbrüchen. Und hatte sich die ganze Zeit gewünscht, weit weg zu sein.
Jetzt war alles anders. Er war erwachsen und von Panzerglas umgeben, und er hatte Drake.
Und Vasa fuhr nicht nach Hause, er kam nur zurück. Die Brüder hatten ihm dieses Gebiet zugeteilt, weil er sich hier auskannte.
Drake und er hatten den ganzen Vormittag Restaurants abgeklappert. Ihr Ziel waren die Kneipen und Pizzerien, sie suchten die Ängstlichen und Schutzlosen auf.
Vasa und Drake verkauften eine Art Schutz. Jeder Termin lief gleich ab: Sie betraten mit den Kutten bekleidet das Lokal und setzten sich hin. Wenn der Besitzer aus der Küche kam, sagten sie kein Wort, sondern starrten ihn nur an.
Vasa betrachtete Drakes Profil, unerschütterlich wie ein Fels. Der kahlgeschorene Schädel, sein muskulöser Körper, seine tätowierten Arme.Vollkommen, das war das richtige Wort für ihn. Drake war vollkommen.
Der Besitzer stand mit nervösem Blick an der Kasse hinterm Tresen, kam aber nach einer Weile zu ihnen. In der Hand hielt er einen Umschlag. Den legte er wortlos vor Vasa und Drake auf den Tisch, um sich danach so schnell wie möglich wieder zurückzuziehen.
Sie bedankten sich nicht, sondern standen einfach auf und gingen. Das war ihre Art, danke zu sagen.
«Ja, ich lebe», antwortet Vasa mit leiser Stimme. «Aber meine Nase ist gebrochen.»
«Das kann man hören, Kumpel», sagt Drake. «Du klingst verrotzt.»
Vasa drückt die Stirn gegen die Fensterscheibe und versucht, die Kante des Steinbruchs auszumachen. Steht Drake da oben? Aber es ist alles dunkel. Darum fährt er fort: «Ich … hab keinen blassen Schimmer, was passiert ist.»
«Du bist am Lenkrad hängengebli