: Mirjam Müntefering
: Die schönen Mütter anderer Töchter
: Verlagsgruppe Lübbe GmbH& Co. KG
: 9783838748832
: 1
: CHF 4.50
:
: Gegenwartsliteratur (ab 1945)
: German
: 333
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB

Nichts ist so wichtig, wie sich zeitweise von allem zurückzuziehen - die dreißigjährige Michelin kümmert daher ihr Lesben-Single-Dasein wenig. Schließlich hat sie ihren Freundeskreis und einen ausfüllenden Beruf beim Fernsehen. Doch dann verliebt sie sich Hals über Kopf - ausgerechnet in Lena, neunzehn Jahre jung und ein begeisterter Szene-Frischling. Eine turbulente Zeit beginnt ...

ERSTES KAPITEL


Wie die Jungfrau zum Kinde


Nichts in meinem Leben ist wichtiger, als auf der Alm zu sein.

Nicht jeder versteht gleich, was ich damit meine, aber wenn ich dann episch die Arme ausbreite und mit ruhiger Stimme erzähle, dann senken sich die Augenlider der Zuhörerinnen, und ihre Gesichtszüge entspannen sich. Falten glätten sich auf ihrer Stirn, und ihre Hände, gerade noch nervös miteinander beschäftigt, ruhen plötzlich in ihrem Schoß.

Auf der Alm zu sein, lernte ich vor einigen Jahren, als mich von einem Tag auf den anderen eine Allergie gegen Zigarettenqualm befiel. Demzufolge litt ich unter phobischen Angstzuständen, sobald ich mich mit mehreren Personen in einem Raum befand. Ich vermutete Zigarettenraucherinnen in jeder und jedem und zog mich misstrauisch mehr und mehr vor meinen Mitmenschen zurück.

Meine damalige Freundin Ellen, Göttin sei Dank Nichtraucherin, machte sich furchtbare Sorgen, sprach von Vereinsamung und Lethargie. Aber je länger mein scheinbar so besorgniserregender Zustand andauerte, desto besser fühlte ich mich. Ich lernte die Ruhe kennen.

Nicht dass ich vorher eine Hektika gewesen war. Nein, ich lebte nur wie viele andere: Ich ging auf Partys, in Discos, Kneipen, Cafés und Kaufhäuser. Und das alles war mir mit einem Schlag nicht mehr möglich. Zigarettenqualm droht so gut wie überall. Und so suchte ich viele öffentliche Orte von heute auf morgen nicht mehr auf. Ich dachte, ich würde mich schrecklich langweilen, trostlos herumsitzen, mein Geld mit unsinnigen Bestellungen aus Versandhauskatalogen verpulvern – aber nichts davon geschah.

Stattdessen begann ich, auf der Alm zu sein.

Ich ging im Städtischen Park spazieren und hörte den Vögeln zu. Ich lernte, die sorgsam angepflanzten oder auch die wild gedeihenden Blumen am Duft zu erkennen und die Bäume mit geschlossenen Augen am rauen Relief ihrer Rinde. Dann bestellte ich per Katalog ein Vogelbestimmungsbuch, aber das war auch das Einzige, was ich anforderte. Ich las. Ich las Gedichte aus fünf Jahrhunderten, las Sciencefiction und historische Romane, politische Pamphlete und Liebesschmonzetten. Geschichten zogen sich durch meine Tage und durch meine Nächte. Ich träumte von den Menschen in den Geschichten und weinte manchmal, wenn ich auf der letzten Seite eines Buches angekommen war.

Meine Freundinnen begannen sich bevorzugt allein mit mir zu treffen. Plötzlich war da die Rede von Ausruhen vom Stress, die Rede von lang ver