2. Kapitel
Karolin
Die Dunkelhaarige in der alten Lederjacke saß schon eine Weile drüben am Fenster.
Sie war allein gekommen und erwartete niemanden. Sie sah nicht auf ihre Armbanduhr und kümmerte sich nicht darum, wer zur Tür hereinkam. Sie saß einfach so da, trank ihren Milchkaffee und genügte sich selbst.
Immer wieder sah sie her. Sie hatte sehr lebendige Augen. Ihr Mund schien ständig zu lächeln.
Karolin hantierte hinter der Theke.
Der große Zeiger der Wanduhr bannte sie. Er kroch so langsam auf die Zwölf zu, dass es unmöglich war, seine Bewegungen zu verfolgen. Wochentags schloss das Café Sentimental um Mitternacht. Damit war auch Karolins Schicht beendet. Das bedeutete, dass sie heimgehen würde. Es bedeutete ein entspannendes Bad, Ausruhen vom Stimmengewirr und vom Dröhnen der Cappuccinomaschine.
Dann war es Viertel vor zwölf.
Die am Fenster erhob sich aus ihrem Korbstuhl und kam zielstrebig auf sie zu.
»Ich hatte einen Milchkaffee.« Sie hatte unterschiedlich farbige Augen. Eines war braun, das andere blau.
»Dreifünfzig.«
Ihre Geldbörse war mit Minnie Mouse bedruckt. Als sie ein Fünfmarkstück auf den Tresen legte, versuchte sie einen langen Blick.
»Bist du neu hier?«
»Ja, wieso? Falle ich so auf? Einsfünfzig zurück.«
»Ohne Zweifel.«
Vielleicht war sie mutig. Vielleicht hatte sie einfach nur nichts zu verlieren.
Ihr Gesicht sah sehr klar aus. Ihr Hals machte einen schönen Bogen. Aber ihre Frisur war zerzaust und die Jeans am Knie zerrissen. Es sah nicht wie der modische Gag aus, den die Mädels jetzt trugen. Es sah aus, als sei die Jeans am Knie zerrissen und sie hätte es noch nicht bemerkt. Dornröschen in Lumpen. Und ihre Hände spielten mit dem Wechselgeld.
»Also bist du auch neu in der Stadt?«
»Nicht so sehr neu, nein.« Karolin erzählte nie einer Fremden, wer sie wa