: Anne Lorquet-Leithäuser
: Kirschenzeiten
: PalmArtPress
: 9783941524354
: 1
: CHF 8.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 290
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Dorf in der Provence: Rives. Marie war alsMädchen oft dort, in den Ferien bei ihrer Mutter.'Der Bus hat mich am Anfang des Wegesabgesetzt. ...Oft bin ich so angekommen.Débarquée.... Es war sehr früh. Die Luft aber schon mild.Sie verblüffte mich durch ihren neuen Duft...Angekommen. Aber noch nicht da. Das Gefühlwar nicht so schnell wie der Körper. Das Tal istschön, das wusste ich. Die Schönheit war hier.'Marie, inzwischen erwachsen und nachDeutschland ausgewandert, erinnert sich.

1944 in Frankreich geboren, in Paris Kunstgeschichte studiert. Seit 1971 in Deutschland, zu letzt in Berlin. Als Sozialpädagogin gearbeitet. Auch als Malerin und Fotografin tätig. Gedichte, Kurzprosa und zwei Romane geschrieben.

Rives
je veux parler d´un lieu
ce lieu existe et je le rêve
je le nomme Rives
rives de rêves1

I. Der Weg


Das Land.

Auf dem Land. Die Provence. Der Bus hat mich am Anfang des Weges abgesetzt.

Der Weg.

J´ai marché.

Ich bin gelaufen, den Weg entlang. Oft bin ich so angekommen.Débarquée. An Land geworfen, aus der großen Stadt, aus Paris. Ferienzeit.

Die Nacht im Zug. Frühmorgens fand ich mich am Bahnhof der kleinen südlichen Stadt wieder. Es war sehr früh. Die Luft aber schon mild. Sie verblüffte mich mit ihrem neuen Duft, der nicht von einer Stadt sein konnte. Leichte Brise. Platanenalleen, das Licht spielte auf den Stämmen. Dann habe ich den Bus genommen. Er fuhr durch die Hügel, die kleinen Dörfer. Und dann habe ich diesen Weg genommen.

Am Anfang habe ich nichts gefühlt. Noch nicht. Ich bin gelaufen, meinen Rucksack auf dem Rücken. Schwer. Heiß. Die rauen Gräser, die die Beine ritzen. DieÄste der zusammengeschrumpften Eichen schlagen mir ins Gesicht. Die hellen Steine kullern unter meinen Füßen. Die weite kristallene Luft. Sich ausstrecken.

Von hier erblickt man das Dorf, Rives, ein paar Kilometer entfernt. Stolzes Profil gegenüber dem Tal.

Angekommen. Aber noch nicht da. Das Gefühl war nicht so schnell wie der Körper. Das Tal ist schön, das wusste ich. Die Schönheit war hier. Endlich. Ich aber nicht.

Ich? Das war doch gerade noch:

Ein Etwas. Zwischen grauen Baukästen. Unabsehbar riesigen Baukästen. In der Stadt. Laufen. Sonntagsgepäck, mit Büchern schwer.

Ich, das war:

Der Stundenplan. Die Woche im Internat. Korridore gefüllt mit laut gestikulierenden rosa Kitteln. Arbeitszimmer. Schlafzimmerkästen, unsere Kajüten, zwischen Holztrennwänden mit einem rosa Vorhang zum Schließen: ein Bett, ein Tisch, ein Waschbecken, ein Schrank und eine Taschenlampe zum Unter-der-Decke-Lesen. Zentrale Perspektive vom Mittelgang auf 40 Bett-Tisch-Schrank- Kämmerchen mit rosa Vorhängen zum Schließen: Schlafsaalperspektive für die Nachtwächterin. Arbeitszimmerperspektive mit Tischen und gebückten Rücken in rosa Kitteln. Geflüster, Getuschel,überspanntes Gekicher, tolles Gelächter erstickt und doch losplatzend bis zu Bauchschmerzen und Wahnsinnsnähe.

Am Wochenende nach Hause. Schluchten zwischen grauen Bauten, die sich auf dem nassen Pflaster bodenlos fortsetzen. Sonntagsgepäck voller Bücher für die Rückkehr ins Internat. Himmel, verloren. Himmel, geträumt. Abends die Zärtlichkeit seines tiefen Blaus anstarren, die sich durch die Fenster des Arbeitssaals durchschmuggelt.

Ich konnte es nicht fassen. Auf dem Land war ich.

Ich erinnere mich.

Ein Mädchen kommt an. Ein M