: David Sedaris
: Sprechen wir über Eulen - und Diabetes
: Karl Blessing Verlag
: 9783641113254
: 1
: CHF 5.40
:
: Erzählende Literatur
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Der ganz normale Wahnsinn

Wer behaupten wollte, David Sedaris schreibe und veröffentliche Tagebücher, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, müsste Michelangelo einen Anstreicher nennen. Niemand versteht es besser als Sedaris, Erlebtes in Lesbares zu verwandeln – seit seinem Debüt mit »Nackt« lässt er seine weltumspannende Fangemeinde daran teilhaben, wie er die schmerzlichste Erinnerung in subtile Komik und die banalste Begebenheit in zeitlose Weisheit kleidet. Er ist sein eigener Inquisitor und Hofnarr zugleich – „der herausragende Vertreter des Mein-Leben-als-David-Sedaris- enres“ (BRIGITTE).

In seinem neuesten Band mit absurden Alltagsgeschichten entführt uns Sedaris unter anderem in den australischen Busch, wo allerlei Getier verborgene Ängste und längst verdrängte Erfahrungen in ihm aufleben lässt; er erzählt von einer durchzechten Nacht mit wildfremden Alkoholikern im Zug von Chicago nach New York, weiht uns ein in die Geheimnisse der französischen Kieferchirurgie und in die Abgründe des britischen Handwerkertums, verrät uns und seinem präpotenten Patenkind, wie Tagebuchschreiben funktioniert und wozu es gut ist, und lehrt uns, Eulen zu verstehen.

Es gibt kaum ein besseres Mittel gegen schlechte Laune als die Komik von David Sedaris – in 26 Geschichten und einem Gedicht macht er voller Scharfsinn aus den kleinen und großen Dramen des Lebens einen guten Witz.

David Sedaris, geboren 1956 in Johnson City, New York, aufgewachsen in Raleigh, North Carolina, lebt in England. Er schreibt u. a. für den New Yorker und BBC Radio 4. Mit seinen BüchernNaked,Fuself eber,Ich ein Tag sprechen hübschundSchöner wird's nicht wurde er zum Bestsellerautor. Zuletzt erschienen im Blessing VerlagDas Leben ist kein Streichelzoo. Fiese Fabeln(2011),Sprechen wir über Eulen - und Diabetes(2013),Calypso /i>(2018) undBitte lächeln!(2023) sowie seine vielbeachteten TagebücherWer's findet, dem gehört's(2017) undKleine Happen(2023).

Zahnärzte ohne Grenzen

Eine Sache, die mich bei der amerikanischen Gesundheitsdebatte verwunderte, war das Gerede über eine staatliche Gesundheitsfürsorge und deren vermeintliche Ineffektivität. Das kanadische System wurde mit einem Genozid verglichen, aber noch schlimmer sei das Gesundheitswesen in Europa, wo Patienten auf schmutzigen Pritschen lägen und darauf warteten, dass das Aspirin erfunden werde. Ich weiß nicht, wo diese Leute ihre Vorstellungen herhaben, aber meine Erfahrungen in Frankreich, wo ich mehr oder weniger die letzten dreizehn Jahre gelebt habe, waren ausnahmslos gut. Für einen Hausbesuch in Paris zahlt man ungefähr fünfzig Dollar. Als ich das letzte Mal einen Nierenstein hatte,überlegte ich erst, einen Arzt zu mir nach Hause zu rufen, aber auch nur zehn Minuten zu warten stand außer Frage, sodass ich mit der U-Bahn zum nächsten Krankenhaus fuhr.Wir haben das Glück, eine Wohnung im Stadtzentrum zu besitzen, und alles, was ich brauche, ist einen Steinwurf entfernt. Gleich um die Ecke ist eine Apotheke, und zwei Häuserblocks weiter ist die Praxis meines Hausarztes, Doktor Médioni.

Zweimal habe ich an einem Samstagvormittag bei ihm angerufen, und beide Male war er selbst am Apparat und sagte, ich solle vorbeikommen. Auch diese Besuche kosten etwa fünfzig Dollar. Beim letzten Mal fuhr ein roter Blitz quer durch meinen linken Augapfel.

Der Arzt sah ihn sich kurz an und nahm dann hinter seinem Schreibtisch Platz. »Ich würde mir an Ihrer Stelle keine Sorgen machen«, sagte er. »Das ist in ein, zwei Tagen wieder vorbei.«

»Was genau ist es?«, fragte ich. »Wie bekommt man so etwas?«

»Wie bekommen wir die meisten Dinge?«

»Wir kaufen sie?«

Das Mal davor lag ich im Bett und entdeckte ein Geschwulst an meiner rechten Seite, gleich unterhalb des Brustkorbs. Es fühlte sich an, als hätte ich ein gefülltes Ei unter der Haut.Krebs, dachte ich. Ein Anruf, und zwanzig Minuten später lag ich mit hochgeschobenem Hemd auf dem Untersuchungstisch.

»Ach, nicht weiter schlimm«, sagte der Arzt. »Bloß ein kleiner Fettgewebstumor. Hunde haben das ständig.«

Ich dachte an andere Dinge, die Hunde haben und die ich nicht haben möchte: Afterkrallen, zum Beispiel. Oder Hakenwürmer. »Kann ich ihn entfernen lassen?«

»Ich denke schon, aber warum sollten Sie?«

Er gab mir das Gefühl, schon der bloße Gedanke sei eitel und kindisch. »Sie haben recht«, erwiderte ich. »Ich werde einfach meine Badehose ein Stück höher ziehen.«

Als ich fragte, ob der Tumor noch größer würde, zwickte der Arzt ihn sanft. »Größer? Vermutlich schon.«

»Viel größer?«

»Nein.«

»Warum nicht?«, fragte ich.

»Ich weiß nicht«, sagte er und klang plötzlich müde. »Warum wachsen die Bäume nicht in den Himmel?«

Médionis Praxis liegt im dritten Stock eines eleganten Hauses aus dem neunzehnten Jahrhundert, und beim Hinausgehen denke ich jedes Mal:Moment. Hing ein Diplom an der Wand? Könnte der Mann tatsächlich Doktor mit Vornamen heißen?Nicht dass er gleichgültig wäre. Nur erwarte ich etwas mehr als bloß: »Das geht von selbst vorbei.« Der Blitz im Auge verschwand, genau wie er gesagt hatte, und ich bin seither Dutzenden von Leuten begegnet, die einen Fettgewebstumor haben und prima damit klarkommen. Vielleicht wünsche ich mir als Amerikaner, dass die Dinge bombastischere Namen haben. Und ich erwarte ein bisschen mehr Ernsthaftigkeit. »Meine Tests haben ergeben«, würde ich gerne hören, »dass Sie unter beidseitiger ganglialer Abnutzung leiden, oder, in der Sprache des Laien, unter einer kartoidalen Ruptur des venalen Septrumus. Hunde haben so etwas häufig, und meistens sterben sie daran. Aus diesem Grund möchte ich mit äußerster Vorsicht vorgehen.«

Für meine fünfzig Dollar möchte ich die Praxis in Tränen aufgelöst verlassen, aber stattdessen komme ich mir vor wie ein Hypochonder, und so einer bin ich ausnahmsweisenicht. Wenn mein französischer Hausarzt ein wenig enttäuschend ist, so gleicht mein französischer Paradontologe das allemal aus. Ich habe nur Gutes über Dr. Guig zu sagen, der mich, was mein Zahnfleisch betrifft, vor dem Schlimmsten bewahrt hat. Zweimal in unserer zehnjährigen Beziehung h