: Peter Anders
: Kein Job für schwache Nerven Neue Fälle des Tatortreinigers
: Heyne Verlag
: 9783641098308
: 1
: CHF 2.70
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: Biographien, Autobiographien
: German
: 256
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Deutschlands bekanntester Tatortreiniger berichtet

Peter Anders kommt, wenn der Tod hässliche Spuren hinterlassen hat. Der Tatortreiniger putzt, wo andere nicht hinsehen können: Er wischt Blut weg, beseitigt Insekten, befreit Räume von Leichengeruch. Bei seinen Einsätzen begegnen ihm spektakuläre Kriminalfälle, bewegende Schicksale und traumatisierte Hinterbliebene, denen er durch seine Arbeit ein Stück Normalität wiedergibt. Nach dem großen Erfolg von Was vom Tode übrig bleibt schildert Peter Anders jetzt neue Fälle – spannend, ergreifend, schaurig-faszinierend!

2. Doppelrahmstufe

Eigentlich war sofort klar, dass die Angelegenheit länger dauern würde:»Erstmaßnahmen« sollten wir durchführen, nur»Erstmaßnahmen«. Das bedeutet: die Wohnung reinigen, die Möbel wegschaffen, die Insekten entfernen, den Geruch oberflächlich bekämpfen. Die Schwester und der Bruder des Toten hatten sich dafür entschieden, ich hatte eindringlich darauf hingewiesen, dass das vermutlich nicht genügen würde. Ach was, vermutlich: Wenn man sich die Umstände ansah, war es vollkommen ausgeschlossen, dass die Sache damit erledigt sein würde.

Der Mittvierziger war in seinem Wohnzimmer gestorben, aber das war nicht das Problem. Das Problem war das Haus: Er hatte sich ein Doppelhaus gebaut, am Rande eines bayerischen Dorfes und in der Mitte von Nichts. Und bei diesem Hausbau hatte er sich komplett übernommen. Schulden, Hypotheken, nichts half, also hatte er erst eine Hälfte des Hauses fertig gebaut, die schönere, die ihm besser gefallen hatte, und dann hatte er diese Hälfte verkauft, um Geld für die andere Hälfte zu haben. Irgendetwas an diesem Plan war schiefgegangen, vielleicht verstand er auch nichts vom Häuserverkaufen, das kann ja manchmal schwieriger sein als das Bauen selbst. Jedenfalls stellte er die andere Hälfte des Hauses nur noch notdürftig fertig, nämlich das Erdgeschoss, so halbwegs, und dabei blieb es dann. Das war vor etwa 20 Jahren gewesen, seither hatte der Mann in einer Art halbfertigem Rohbau gelebt. Das war der erste Teil des Problems: Je weniger verputzt und verarbeitet ein Mauerwerk ist, je billiger das verwendete Material ist, desto saugfähiger ist es auch, wenn die Leichenflüssigkeit kommt. Und Leichenflüssigkeit hatte es mehr als genug gegeben.

Der Mann hatte 180 Kilo gewogen.

Er war im Hochsommer gestorben, auf dem Sofa sitzend oder halb sitzend, gefunden hatte man seine Leiche direkt vor dem Sofa, vielleicht war er ja auch aufgestanden, weil ihm übel war, und dann zusammengeklappt. Besonders sicher konnte er ohnehin nicht gestanden haben, neben dem Sofa lehnte eine Beinprothese. Seine Beinprothese. Das sah seltsam aus, dabei ist es, wenn man mal drüber nachdenkt, nur normal: So was nimmt der Bestatter natürlich nicht mit. Logisch. Aber überrascht ist man dann doch.

Dort, vor dem Sofa, hatte er nun gelegen, 14 Tage lang, im Hochsommer. 180 Kilo Körpergewicht ergeben, wenn man mal von 70 Prozent Wasseranteil im Körper ausgeht, 126 Liter Körperflüssigkeit zu Lebzeiten. Und 126 Liter Leichenflüssigkeit hinterher. Wenn man diese Menge 14 Tage auf höchstens zwei Quadratmeter eines 20 Jahre alten Teppichbodens über mäßig verputztem Mauerwerk einwirken lässt, diese Rechnung allein genügt, um zu wissen, dass es da mehr braucht als»Erstmaßnahmen«.

Außer natürlich, man will das ganze Haus sowieso abreißen.

Trotzdem, die Geschwister blieben bei ihrer Sparbestellung. Ich stellte meine Warnungen ein und versprach, ihnen Bescheid zu geben, wenn mehr zu tun wäre. Wir rückten also zunächst zu zweit an, meine Frau Petra und ich. Als Erstes be