Dorkovs Anruf
Es war ein kalter Montag im Januar, kurz nach neun. Ich stand vor dem Getränkeautomaten im Raucherraum und sah meinem Kaffee dabei zu, wie er in einem dicken Strahl in den Ausguss floss. Ich hatte vergessen, einen Becher in den Schacht zu stellen und fand so schnell auch keinen. Der Strahl versiegte mit einem Zischen. Auf dem Display stand: fertig. Und hinter mir sagte irgendwer, dass Karin Steffens ja jetzt schwanger sei.
Ich hatte meinen letzten Euro in diesem Automaten versenkt und war gerade so sehr mit meinem Ärger beschäftigt, dass ich nicht weiter hinhörte. In der Telefonkonferenz am Mittag erfuhr ich es zum zweiten Mal. Als schon fast alles gesagt war, schaltete sich überraschend die Lokalredaktion Borkendorf zu. Ein Kollege, den ich nicht kannte, sagte, er habe noch eine gute Nachricht. »Karin Steffens bekommt einen Sohn.« Er sang es fast. Dann folgte eine Pause.
Karin Steffens? Ja, wer war das noch gleich? Die mit dem Raucherhusten? Nee, zu alt. Ich glaubte, mich zu erinnern, dass es die mit der Fistelstimme war, die in der Konferenz egal auf welche Frage mit dem Satz antwortete. »Weiß ich grad leider nicht ganz genau, hör ich aber gleich mal nach.«
»Ja, äh, das ist toll. Da gratulieren wir natürlich alle ganz herzlich. Auch im Namen der Chefredaktion«, sagte Dorkov. Für das, was er sagte, klang es relativ gleichgültig. »Gibt’s sonst noch was?«, fragte er. Als sich Schweigen einstellte, beendete er die Konferenz.
Ich ahnte nicht, dass Karin Steffens’ Kinderglück eine Bedeutung für mein Leben bekommen könnte. Auch am Nachmittag nicht, als Dorkov in einer E-Mail an alle schrieb, dass er jemanden suche, »der Frau Steffens in Borkendorf für einige Monate vertritt«. Natürlich auf freiwilliger Basis. Dorkov schrieb oft E-Mails an alle. Meistens antworteten auch alle, weil keiner riskieren wollte, in den Verdacht zu geraten, er lese die Mails vom Chef nicht. Diesmal kam keine Antwort.
Beim Essen sprachen wir über die E-Mail. Die Meinungen schwankten zwischen »Auf keinen Fall« und »Nie im Leben«. Nur Anja, die Politikchefin, vertrat die Auffassung, dass es auf dem Land auch ganz schön sein könne. Ein Haus im Grünen, Arbeit ohne Stress, Redaktionsschluss um17 Uhr. Dagegen sei ja erst mal nichts zu sagen. Otti aus der Kultur setzte die Aufzählung fort: Schützenfestorgien, Scheckübergaben, Rammlerschauen, Hausfrauenreporter, Idioten. Und das hatte Anja natürlich vergessen. »So gesehen«, sagte sie und nahm die Mehrheitsmeinung an. Das Thema war damit durch.
Na ja, und abends klingelte zu Hause das Telefon.
Ich stand im Wohnzimmer, goss den Ficus und entschied mich, nicht da zu sein, aber es klingelte so hartnäckig, dass ich neugierig wurde. Als ich abnahm, hörte ich Gemurmel.
»Hallo?«, fragte ich. Das Gemurmel verstummte.
»Guten Abend Herr Heimann, Dorkov hier. Ich hoffe, ich störe Sie nicht.«
Ich schreckte zusammen und ärgerte mich, dass ich es nicht hatte klingeln lassen.
»Nein, nein, überhaupt nicht«, sagte ich. »Was gibt’s denn?«
»Keine Angst, Herr Heimann. Es geht nur um die E-Mail von heute Mittag. Hatten Sie die gelesen?«
»Ach, die mit der Vertretung. Ja, äh, die hatte ich gesehen.«
»Gut, ich will auch gar nicht lange um den heißen Brei rumreden. Herr Heimann, ich hatte heute Mittag gleich an Sie gedacht. Sie sind doch flexibel. I