Der Chefarzt betrat das Krankenzimmer von Mario Weinrich mit dem Siegerlächeln des Erfolgreichen. Im Schlepp die übliche Delegation aus Schwestern, Assistenzärzten und Studenten. Schweigend gruppierten sie sich um sein Krankenbett wie die Tentakel einer gefräßigen Krake, bereit, ihr Opfer zu verschlingen.
Der Chefarzt winkte mit Weinrichs Krankenakte. »Alles in Ordnung«, sagte er zufrieden. »Wir können Sie heute entlassen.«
Nie klang das Wort entlassen schöner. Weinrich ballte die Faust als Zeichen des Triumphs. Er hatte den Schatten des Todes besiegt und den Zeitpunkt des Sterbens auf später verschoben.
»Allerdings sollten Sie sich die ersten Wochen schonen und einem eventuellen Schusswechsel aus dem Weg gehen.«
»Logisch«, meinte Weinrich. »Ich habe nicht vor, mich in einen Bandenkrieg einzumischen.«
»Und Motorradfahren ist zur Zeit auch noch nicht drin. Ihre Schulter ist noch nicht allzu belastbar«, ergänzte der Mediziner.
Weinrich spürte einen stechenden Schmerz. Wo war eigentlich sein teures Prachtstück? Eine Frage, der er unbedingt nachgehen musste. »Wann kann ich gehen?«
Der Arzt blickte auf seinen Tross medizinischen Beistands. Dieser schwieg beharrlich wie ein Schwarm stummer Fische: »Von uns aus gleich, wir schreiben nur noch den Arztbrief für Ihren Hausarzt, dann können Sie Ihre Sachen packen.«
Das war das Schlusswort eines mehrtägigen Aufenthalts im Klinikum. Die Gruppe weißer Kittelfische bewegte sich in Richtung Tür.
»Herr Doktor?«, rief ihnen Weinrich nach.
»Ja?«
»Vielen Dank.«
»Keine Ursache, dafür sind wir da. Wir freuen uns, dass es Ihnen besser geht.« Der Arzt nickte Weinrich aufmunternd zu. »Wir haben uns übrigens erlaubt, Ihrer Freundin Bescheid zu sagen. Sie wartet draußen, um Sie abzuholen und Sie vor Dummheiten zu bewahren.« Damit schloss sich die Zimmertür.
Weinrich atmete tief durch. Die Zeit des Nichtstuns war vorbei. Das Leben hatte ihn wieder. Und dass Britta auf ihn wartete, war Teil dieses neuen Lebensgefühls.
»Kann ich reinkommen?« Ein blonder Haarschopf erschien im Türspalt und stand kurz darauf neben Weinrichs Bett. »Schon gepackt?«
»Bin ich Rennfahrer?« Weinrich wand sich aus der Bettdecke. Der Versuch, es so cool wie Bruce Willis aussehen zu lassen, misslang. Die ersten Schritte waren wackliger, als er es sich eingestehen wollte.
»Das kriegen wir schon«, sagte Britta mitfühlend. »Ich fahr dich erst mal nach Hause, und um dein Geschäft kann ich mich auch kümmern. Ich habe mir extra die nächsten Tage freigenommen.« Sie strahlte.
»Welches Geschäft?« Weinrich stockte, eine neue Nadel schien sich in seinen Körper zu bohren. Wusste Britta von seinem Polizeidienst?
»Naja, dein Import-Export.« Britta wirkte irritiert. »Bist du etwa ...«
»Nein, nein, alles in Ordnung«, beeilte sich Weinrich mit der Antwort. Sichtbar erleichtert, dass sein Geheimnis gewahrt bleib. »Ich bin nicht pleite.«
Wenn auch kurz davor, aber diesen Nachsatz behielt er für sich. »Dort kommt man auch gut mal ein paar Tage ohne mich aus.«
Weinrich versuchte, Britta mit einem Lächeln zu beruhigen. Doch der quälende Gedanke, seinen Beruf als Beamter im Polizeidienst verschwiegen zu haben, um statt dessen als Import-Export-Geschäftsmann bei Britta Eindruck zu machen, nagte an seinem Stolz. Aber ein Schneeball, der den Berg hinunter geworfen wird, ist eben nicht aufzuhalten. Alles was er tun konnte, war eine Lawine zu verhindern oder zumindest klein zu halten. Britta nickte und zog Weinrich an der Hand in Richtung Tür.
»Moment, was ist mit meinen Sachen. Du scheinst es ja sehr eilig zu haben.«
»Ich habe dich eben vermisst«, sagte sie.
»Ich dich auch. Aber meine Sachen nehme ich trotzdem mit.«
Schnell raffte er seine Pyjamas, Zahnbürste und die notwendigen Dinge des täglichen Lebens zusammen.
»Krankenhaus, ich