Der Tote im Beichtstuhl von St. Jakobus
Es war April. Die ersten Sonnenstrahlen kündigten vom nahenden Frühling. Das vergangene Jahr hatte sich Mario Weinrich durch den »Lehrgang für angehende Kommissare« gequält. Und heute war der Tag des großen Finales. Der hessische Innenminister Klaus Zimmer hatte alle Absolventen der Schulung ins Präsidium nach Wiesbaden geladen. Ehrungen und Auszeichnungen waren für den Politiker immer eine gute Gelegenheit, sich der Öffentlichkeit als »starker Mann, der für Ordnung sorgt« zu präsentieren. Die Presse, der die Aufgabe zufiel, die markigen Worte zu verbreiten, durfte deshalb nicht fehlen. Der Hessische Rundfunk postierte sein Mikrofon auf dem Rednerpult und auch die »Schreiberlinge«, wie sie in Polizeikreisen spöttisch hießen, saßen mit Block und Stift am Rand des Saales.
»... eine starke Polizei ist der Garant unserer zivilisatorischen Errungenschaften. Die Feinde unserer Zivilgesellschaft sitzen auch dort, wo man mit dem Rotstift versucht, Personal abzubauen und mit dem Bedürfnis derMenschen nach Sicherheit spielt!« Dafür bekam der Minister Applaus, den er wohlwollend entgegennahm. »Ich werde nicht zulassen, dass man auf dem Rücken der Polizei einen rücksichtslosen Sparkurs fährt!« Dafür bekam er noch größeren Applaus. Kurz danach war er am Ende seiner Rede und verabschiedete sich mit erhobener Hand zum Gruß. Auch die Presse räumte das Feld. Was jetzt noch folgte, waren Beförderungen, ohne Nachrichtenwert.
»Ich darf nun Mario Weinrich nach vorne bitten«, eröffnete der Leiter der Akademie, Horst Machow, ein drahtiger Mittfünfziger, den festlichen Teil. Mario Weinrich schälte sich aus seinem Sitz und ging zur Bühne, die Finger lässig zu einem Siegeszeichen in den Himmel gestreckt, das die Kollegen mit Gejohle begleiteten.
»Von Ihnen hab’ ich schon gehört«, begrüßte ihn der Ausbildungsleiter säuerlich. Weinrichs Eskapaden waren Gesprächsstoff. Seine nächtliche Geburtstagsparty, auf der er heißen Hip-Hop über die Außenlautsprecher des Streifenwagens übertrug und dazu das Blaulicht als Lichtorgel einsetzte, hätte ihn fast die Polizeimarke gekostet.
»Trotz allem, herzlichen Glückwunsch, Sie haben die Prüfung zum Polizeikommissar mit Erfolg bestanden.« Die Versammelten im Saal der Wiesbadener Polizeiakademie klatschten höflich, und Machow übergab mit einem kräftigen Händedruck die Ernennungsurkunde. »Jetzt kannste den Streifendienst vergessen«, sagte sein Nachbar und klopfte ihm anerkennend auf die Schulter. Mario ließ sich zufrieden auf seinen Stuhl fallen und nickte. Keine Verkehrsunfälle mehr aufnehmen. Vorbei die Zeit der nächtlichen Patrouillenfahrten. Und erst recht keine Betrunkenen mehr in Arrestzellen verwahren, die einem auf die Uniform kotzen. Der Aufstieg war geschafft.
Mario streckte genüsslich die Beine unter den Stuhl seines Vordermannes und zog eine Flasche Sekt aus der Lederjacke. »Das muss gefeiert werden.« »Biste verrückt?«, raunzte ihn sein Nachbar an, der zur Würdigung der Feier mit Krawatte und Anzug erschienen war. Doch zu spät. Mit einem lauten Plopp flog der Korken durch die Luft und landete im Mittelgang. »Meine Damen und Herren, ich sehe, einige von Ihnen können es kaum abwarten, bis sie wieder in den Streifendienst zurückversetzt werden«, kommentierte der Ausbildungsleiter die Aktion missbilligend. Ein kurzer Blick in die leere Stuhlreihe der Pressevertreter stimmte ihn versöhnlich. »Allerdings, wenn Sie ein Glas für mich übrig haben, will ich das Auge des Gesetzes wohlwollend verschließen.« Die angehenden Kommissare klatschten, und Mario reichte die Flasche weiter. Dann wurde der nächste Aspirant für den höheren Polizeidienst nach vorn gerufen.
Mario Weinrich schloss die Augen. Er war 26 Jahre alt. Jetzt ging das Leben erst richtig los. Deswegen hatte er sich von der Bereitschaftspolizei weg bei der Kripo in Frankfurt beworben. Dafür hatte er ein Jahr geschwitzt.
Zwei Tage später lag