: Heinz Sobota
: Der Minus-Mann
: Heyne Verlag
: 9783641111953
: 1
: CHF 5.40
:
: Biographien, Autobiographien
: German
: 448
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Dieses Buch ist der schonungslose, atemverschlagende Lebensbericht eines Mannes, der als Zuhälter und Gewalttäter gelebt hat, der ein exzessiver Trinker und gefürchteter Schläger war, ein Mann, tief gespalten in seiner Beziehung zu Frauen, voller Haß und Selbsthaß. Das Buch wurde in einem Zuchthaus in Marseille geschrieben. Es ist ein wichtiges Zeugnis von der Nachtseite unserer Gesellschaft, das unsere Kenntnis vom Menschen bestürzend erweitert. Ein Buch über Gewalt und Gegengewalt.

Es gibt höllische Szenen in diesem Buch: brutale, tödliche Schlägereien unter den Zuhältern, die Folterung eines Mädchens, das als Dirne abgerichtet wird, die Vergewaltigung eines jungen Gefangenen durch die Zellenbelegschaft - so nackt, so direkt ist das noch nie beschrieben worden, ohne Selbstmitleid, ohne jede Beschönigung und ohne jeden Versuch der Rechtfertigung.

Heinz Sobota wird 1944 als Sohn eines Bankangestellten im burgenländischen Sauerbrunn geboren. Mit kleineren Diebstählen beginnt er seine kriminelle Karriere und wird zu einer Jugendstrafe verurteilt. Immer wieder gerät er mit der Justiz in Konflikt, versucht seinen Vater umzubringen, wird wegen Raubes verurteilt und in eine Strafanstalt eingewiesen. Im Wiener Milieu ist er als Zuhälter und Gewalttäter bekannt. Sein Roman"Der Minus-Mann" entsteht in etwa sieben Wochen, während der Haft Sobotas in einem Marseiller Gefängnis. Heinz Sobota lebt in München.

Das Kloster ist graugelb und mit einer hohen Mauer umgeben.

Der Gasse zu schließt an die Mauer der Kirchenbau an.

Kapuzinerkirche und Kloster in einem in Wiener Neustadt. Neun Zöglinge zwischen zwölf und siebzehn Jahren, enge Zimmer, lange, dumpfe Gänge, Wecken um halb sechs Uhr früh, ministrieren in der eisigen Kirche, jede Woche zwei andere, dann Frühstück im Refektorium.

Zehn vor acht ab in die Schule, drei Gassen weiter, ein großes gelbes Haus, gegenüber ein Park, alte, knorrige Bäume. In der Halle hinter den Flügeltüren der Schulgeruch nach Tinte, Moder, feuchten Kleidern, Brot und Pisse. 47 Schüler in der Realschulklasse, ein hysterischer Klassenvorstand. Ich schlafe als zuletzt Gekommener auf dem hintersten Platz, der Eselsbank. Dann zurück in das Kloster, Mittagessen um zwei Uhr, eine mürrische Köchin, der aufsichtführende Pater rülpst und liest im Brevier. Bettelmönche mit Riesenbäuchen und wieselflinken, harten Augen, salbungsvolle Schwärmer, unfähige Erzieher. Freistunde bis halb vier. Fußball auf dem staubigen Platz zwischen den Mauern, dann Studierzeit bis sechs Uhr, dann Abendessen, eine Viertelstunde Freizeit, dann Studierzeit bis halb neun Uhr, dann Abendessen bis halb zehn Uhr, waschen. Licht aus. Ich schlafe beim Abendgebet ein, werde bestraft, Kirche reinigen während der Freizeit, ich klaue den Messwein, schleiche mich auf den Turm über schwindelnde Holzgerüste, dort trinke ich. Eine halbe Flasche pro Tag, dann stehle ich weiter – Zigaretten und Wein – manchmal bin ich betrunken, aber ich lerne schnell, es zu verbergen, dann schleiche ich nachts auf den Turm und trinke, da bin ich sicher. Nie falle ich über die schmalen, schwankenden Bretter, die in acht Meter Höhe über der Decke des Kirchenschiffs laufen. Manchmal borgt mir ein Pater sein Luftdruckgewehr, dann schieße ich auf Tauben und Menschen gegenüber im Park, aber durch das hastige Trinken bin ich immer sehr schnell betrunken, und dann verschwimmt das Ziel, vielleicht trägt das Gewehr auch nicht so weit. Manchmal kommen Mädchen von der katholischen Jungschar ins Kloster. Ihre schrillen Stimmen hallen über die Gänge. Dann lässt sich eine von mir den Turm zeigen. Wir knutschen, ich ziehe ihr das Höschen aus, gebe ihr zu rauchen und zu trinken. Dann wird ihr übel, und sie weint. Das ärgert mich. Wenn diese idiotische Kuh davon redet, zu Hause, oder zu den anderen. Ich drücke ihr den Gewehrlauf an die Stirn.

»Nicht, das ist gefährlich, einem in der Schule ist damit ein Auge zerstört worden«, heult sie auf.

Ich bohre mit den Fingern in ihr und dann sind meine Finger blutig und sie schreit und schluchzt.

»Ich schieß dich in den Kopf, wenn du mit jemanden darüber sprichst«, sage ich und wische das Blut ins Taschentuch.

»Du hast mir wehgetan«, plärrt sie und deutet auf den dünn beflaumten Schlitz: »da unten.«

Aber sie kommt wieder und schweigt. Meine Leistungen in der Schule sind bemerkenswert, im zweiten Trimesterzeugnis, vier Nichtgenügend, in Deutsch, Englisch, Mathematik und geometrischem Zeichnen. Meine Mutter kommt zur Sonntagnachmittagsmesse und ist gerührt über meine messhelferische Tätigkeit im roten Rock und dem weißen Chorhemd. Dann zeige ich ihr das Zeugnis. Sie fällt fast in Ohnmacht.

»Der Vater erschlägt dich«, sagt sie und ringt die Hände. Ich lutsche Pfefferminzbonbons, damit man den Wein nicht riecht. Ich bin eher sorglos. Dann wachse ich acht Zentimeter in zwei Monaten,