Gerade eben hatte alles noch so leicht ausgesehen, aber jetzt kamen Percy die ersten Zweifel, ob ihrüberstürzter Aufbruch zur Toteninsel eine gute Idee gewesen war. Das kleine Boot, in dem sie saßen, schaukelte bedenklich hin und her, und seit der Mond hinter einer Wolke verschwunden war, konnte man kaum noch etwas sehen. Percy schaltete die leuchtende Armbanduhr ein, die er von Onkel Adalbert zu Weihnachten bekommen hatte, aber selbst ihr starkes Licht wurde von der bedrohlichen Finsternis verschluckt. Nur der Strand mit den schroffen Felswänden der Steilküste war noch als dunkles Band zu erkennen.
»Iiiii«, kreischte Claire und trat John gegen sein Bein.
»Ich denke, du kannst rudern«, sagte Linda und spuckte ihrem Cousin einen Schwall Meerwasser entgegen.
»Kann ich ja auch! Letzten Sommer habe ich die Meisterschaften unserer Schule gewonnen. Aber da habe ich auch nicht gedacht, dass ich jede Sekunde erfriere.«
John versuchte, das Ruder in den Griff zu bekommen, das ihm gerade entglitten war und für eine Flutwelle gesorgt hatte. Es rutschte allerdings erneut aus seiner Hand und wieder begann das Boot gefährlich zu schaukeln. Zum zweiten Mal klatschte eine Welleüber die Bootswand, dicht gefolgt von einer weiteren, deren Gischt mitten in den Gesichtern der Zwillinge landete.
»Das reicht jetzt!«, sagte Claire und schubste John von der Ruderbank.»Ichübernehme.«
Sie versuchte, die Holzgriffe zu fassen zu bekommen, doch die Paddel polterten links und rechts an die Außenwände und das alte Fischerboot drehte sich im Kreis.
Jim begann zu heulen wie ein Wolf.
Percy streichelte seinem Hundüber den Kopf. Auch ihn hatten die ins Boot schlagenden Wellen erwischt, und er spürte, wie sich die Feuchtigkeit durch seine Cordhose und seine Winterjacke fraß. Er begann zu zittern, allerdings nicht nur wegen der beißenden Kälte, die ihm in die Knochen kroch. Vor ihnen lag die Toteninsel, deren zerklüftete Klippen mit dem großen Leuchtturm schwarz vor dem nächtlichen Winterhimmel aufragten.
Die Toteninsel! Percy war sich zwar immer noch sicher, dass sie dort das Rätsel um Allan Darkmoors unheimliche Experimente aufklären würden, aber vielleicht hätten sie mit ihrem Aufbruch doch lieber bis zum Morgen warten sollen. Wenn ihnen jetzt etwas zustieß, gab es womöglich keine Hoffnung mehr für seine Eltern.
»Vorsicht!«, schrie Claire und sorgte dafür, dass Percy aus seiner starren Haltung aufschreckte. Im letzten Moment klammerte er sich an der Bootswand fest, sonst wäre erüber Bord gegangen.
»Von wegenduübernimmst.« John schüttelteärgerlich den Kopf und verlor dabei seine Mütze, die in den schwarzen Wellen verschwand. Er wollte seiner Cousine dafür lauthals die Schuld geben, aber Claire hielt auf einmal beide Ruder fest in den Händen, tauchte sie gleichmäßig ins Wasser und drückte sie kraftvoll nach hinten.
Das Fischerboot sprang so plötzlich nach vorn, dass John von der Bank fiel. Er stieß sich den Kopf an einer eisernen Kiste, die aus einer Klappe am Heck gerutscht war, und fluchte. Linda beugte sichüber ihn, holte aus der Kiste einen Schiffszwieback hervor und stopfte John das trockene Brot zwischen die Zähne. Allein die Tatsache, dass er etwas Nahrhaftes im Mund hatte, beruhigte ihn augenblicklich.
»Mipf pfür ungut, aber dapf mupfte mal gepfagt werden«, nuschelte er und angelte sich einen zweiten Zwieback aus der Truhe.
»Seid ihr sicher, dass wir an der Toteninsel anlegen können?«, wechselte Percy das Thema.
»Bistdu sicher, dass wir dort des Rätsels Lösung finden?«, fragte Claire zurück.»Wir riskieren nämlich gerade Kopf und Kragen, das ist dir hoffentlich klar.«
John stieß ein prustendes Lachen hervor. Krümel flogen durch die Luft.»Als ob wir in den letzten Tagen irgendetwas anderes gemacht hätten, als Kopf und Kragen zu riskieren«, beschwerte er sich.»Eigentlich ist es ein Wunder, dass wirüberhaupt nochleben!«
»Nimm noch einen Zwieback«, sagte Linda, die jetzt gemeinsam mit Percy dem dunklen Schatten der Toteninsel entgegenblickte. Sie legte ihm eine Hand auf die Schulter.»Vielleicht hast du es dir ja doch nur eingebildet«, sagte sie leise.»Nach allem, was wir erlebt haben, wäre das wirklich nicht weiter verwunderlich.«
Percy schüttelte den Kopf.»Nein«, sagte er entschieden.»Ich habe diese Stimme wirklich gehört, das bilde ich mir nicht nur ein.«
Linda zog ihre Stirn in Falten.
»Die Stimme war da«, wiederholte Percy.»Ich weiß, dass es merkwürdig klingt, aber ich spüre einfach, dass wir so schnell wie möglich zur alten Leuchtturmruine müssen…«
»Auf Percys Eingebungen ist Verlass«, sagte Claire.»Schließlich haben wir denen auch die Entschlüsselung der Hieroglyphen zu verdanken.«
Percy griff erneut nach der hölzernen Kante der Bootswand. Der Mond kam hinter den Wolken hervor und ließ seine Knöchel aufleuchten wie die Knochen eines Skeletts.
»Wir werden deine Eltern finden«, sagte Linda und klopfte ihm ermutigend auf den Rücken.»