Das Labyrinth
Jennifer war ganz und gar nicht wohl bei dem Gedanken an das Labyrinth. Schon einmal hatten sie dort vergeblich einen Ausgang gesucht. Sie fragte sich, welche Überraschung diesmal auf sie wartete. Denn es war offenkundig, dass das Computerspiel ›Die Stadt der Kinder‹ ein weiteres Mal umprogrammiert worden war.
»Wo ist eigentlich Thomas?«, fragte Miriam.
Thomas fehlte häufiger. Weil er so langsam war, trottete er der Gruppe meistens hinterher. Er war ein leidenschaftlicher Sammler aller möglichen Dinge. Aus Angst, irgendetwas zu übersehen, das »auf der Straße lag und das man sich nur zu nehmen brauchte«, wie er immer sagte, hatte er sich ein Schneckentempo angewöhnt. Auf diese Weise übersah er nichts. Aber in dieser Stadt gab es nichts zu finden. Die Stadt war leer.
»Thomas findet selbst in einer leeren Stadt etwas«, war Achmed sich sicher. Aber dass von Thomas überhaupt nichts zu sehen war, beunruhigte auch ihn. »Soll ich noch mal zurücklaufen und nach ihm schauen?«, bot er sich an.
Doch da erschien Thomas schon an der Straßenecke. In seiner rechten Hand hielt er etwas, womit er seinen Freunden aufgeregt zuwinkte. »Schaut mal, was ich gefunden habe!«, rief er.
Achmed lachte laut. »Sag ich doch! Der Typ ist so was von krass, ey!«
»Was hält er denn da in der Hand?«, fragte sich Ben. Er sah zwar etwas in Thomas' Hand, konnte aber nicht erkennen, um was es sich handelte.
»Hier!«, hechelte Thomas und präsentierte sein Fundstück. Kolja nahm es ihm ab. »Eine Mütze!«, stieß er hervor.
»Das ist keine Mütze, sondern eine Motorradsturmhaube«, berichtigte Thomas.
»Na und?« Kolja fand daran nichts Besonderes. »Außer, dass sie eine komische Farbe hat! Giftgrün! Wie ein Laubfrosch. Wer trägt denn solche Motorradmützen?«
»Genau das ist die entscheidende Frage!«, warf Thomas ein.
Kolja wusste nicht, was Thomas meinte. Woher sollte er wissen, wer hier seine Motorradhaube verschlampt hatte? Worauf wollte Thomas hinaus?
Thomas hielt ihm weiter die Haube vor die Nase. »Die Stadt ist leer«, betonte er. »Komplett leer. In den Kaufhäusern gibt es keine Waren. Die Wohnungen sind leer gefegt und auch die Straßen sind leer. Es gibt weder Autos noch Motorräder, nicht einmal Fahrräder. Die Stadt ist LEER!«
Kolja dachte nach. Die Stadt war leer. Das wusste er. Aber so leer, dass nicht einmal eine Mütze herumliegen konnte? So weit hatte er noch nicht darüber nachgedacht. Doch jetzt, da Thomas davon sprach, fiel es ihm auch auf: Thomas hatte recht. Die Stadt war tatsächlich vollständig leer. Wenn man das so dahinsagte, machte man sich keine Vorstellungen davon, was das wirklich hieß: Eine Stadt ist leer. Nicht einmal so eine blöde Haube konnte da herumliegen.
Doch Kolja war nicht der Typ für komplizierte Überlegungen. »Vielleicht ein Fehler im Programm oder so. Keine Ahnung«, lautete sein Kommentar.
»Oder jemand hat sie verloren!«, meinte Thomas. »Allerdings niemand von uns!«
Er zeigte die Haube herum, damit jeder sie sich noch mal genau ansehen konnte. »Oder hat jemand von euch eine solche Haube getragen?«
Er wusste die Antwort bereits. Niemand von seinen Klassenkameraden besaß eine solche Motorradfahrerhaube.
Jetzt war auch bei den anderen der Groschen gefallen.
»Es muss also doch noch jemand in der Stadt sein!«, rief Miriam.
Thomas nickte.
»Wollen wir suchen?«, fragte Miriam in die Runde.
Ben fand es besser, zunächst wie geplant nach einem Ausgang zu suchen. Wer immer außer ihnen hier durch die leere Stadt irrte, würde den Ausgang dann ebenfalls nutzen können. Ob zu fünft, zu zehnt oder zu hundert, eine leere Stadt blieb eine leere Stadt: unheimlich und unbewohnbar. Sie mussten so schnell wie möglich sehen, dass sie von hier fortkamen.
Aber ob sich der Zugang zum Labyrinth auch in dieser neuen Version des Spiels noch immer im Lehrerzimmer befand? Tatsächlich! Sie fanden die Klappe in der Mitte des Zimmers.
Kolja bot sich an voranzugehen.
Langsam öffnete er die Klappe im Boden und sah tief hinunter in eine schwarze Röhre.
»Gruselig!«, fand Jennifer, als sie über Koljas Schulter hinabbli