Einleitung
She has eyes that folks adore so,
And a torso even more so.
Groucho Marx:Lydia the Tattooed Lady
Dieser Bericht ist eigentlich eine Liebeserklärung. Bitte denken Sie daran, wenn ich es vergessen sollte. Es ist so meine Art, dass ich das, was mir gefällt, auch gerne verspotte. Aber worum geht es genau? Vielleicht kennen Sie ja den BegriffPseudoereignis,den Daniel J. Boorstin in seinem BuchThe Image(1961, deutsch 1964) eingeführt hat. Ein Pseudoereignis ist ein Ereignis, das hauptsächlich als seine mediale Inszenierung stattfindet. Ich bin der Meinung, dass die Freikörperkultur von 1893 bis circa 1970 hauptsächlich ein solches Pseudoereignis war. Ich glaube, dass es in dieser Zeit viel mehr Leser vonFKK-Zeitschriften und -Büchern gab als tatsächliche Nacktbader. Wenn man so will, dann war am Anfang der Hauptzweck derFKK-Bewegung, dass die einschlägigen Publikationen Stoff hatten, über den sie berichten konnten. Und diese Wechselbeziehung von den Nackten und den Verlagen will ich hier unter anderem schildern. Was die Zeitschriften zu einer besonders angenehmen Lektüre machte, waren natürlich die vielen Fotos von netten jungen Damen, die darin im »Lichtkleid« zu sehen waren. DieFKKist eine Weltanschauung, und da Deutschland ein Rechtsstaat war und ist oder sich zumindest häufig Mühe gab, als solcher zu erscheinen, konnte die Obrigkeit die Zeitschriften mit diesen Bildern nicht so ohne Weiteres verbieten. So schützten dieFKKler die Verlage, und umgekehrt waren die Zeitschriften so etwas wie Rekrutenwerbung für die Nacktvereine. Im Laufe der Jahrzehnte lockerten sich die Sitten dann immer mehr. Die deutschen Männer konnten ihren Bedarf an Aktfotos auch anderswo decken. Die Polizei verlor die Lust daran, Nacktbader zu jagen. Heute gibt es in Deutschland keine kommerziellenFKK-Hefte mehr, und wer nackt baden will, der findet ohne allzu viele Probleme seinen Platz. Der ganz große Trend ist dieFKKschon seit vielen Jahren nicht mehr.
Ich will hier aber hauptsächlich über die heroische Epoche berichten, als dieFKK-Presse noch der Zerrspiegel war, der die Freikörperkultur-Bewegung zwar entstellt, aber doch noch erkennbar reflektierte. Dabei will ich mich hauptsächlich auf die Zeit von 1949 bis 1970 beschränken. Das hat gute Gründe. Erstens könnte man über die Periode vor 1933 ein eigenes Buch schreiben. Dazu müsste man aber in Hannover leben, weil es nur dort die perfekte Bibliothek für diesen Zweck gibt. Später dann im Nationalsozialismus war dieFKK gleichgeschaltet und nur noch eine Persiflage der vielschichtigen Bewegung, die sie noch kurz zuvor in der Weimarer Republik gewesen war. Außerdem fällt mir wie Karl Kraus zu Hitler nichts ein. Erst nach dem Krieg und der Gründung der Bundesrepublik im Jahr 1949 ging es in Westdeutschland dann wieder richtig los. Vorher hatte man andere Sorgen. Etwa um 1970 hatte sich dieFKKvom Pseudoereignis zum Ereignis entwickelt. Das war zwar gut für dieFKK, aber das Thema verlor damit weitgehend seine skurrilen und absurden Aspekte. Pseudoereignisse sind viel komischer als Ereignisse.
Bild 1: Vor vielen tausend Jahren: zeitweiliges Ende der FKK
Mein wichtigster Grund für das Primat der Jahre 1949 bis 1970 sind aber die Bilder. DieFKK-Hefte in dieser Zeit bestanden in der Regel halb aus Fotos und halb aus Text. Das lagwohl am Herstellungsverfahren. Zwei Druckbögen wurden miteinander kombiniert. Deshal