Sünde 1: Falsche Bescheidenheit
Eure Feier, Eure Regeln!
Es ist ein strahlend blauer Tag Mitte Juli. Seit einer Woche liegt Hamburg unter einer Glocke aus unbewegter Hitze, in der selbst das gewohnte laue Lüftchen der Hansestadt versagt. Während ich die Musikanlage aus meinem Auto wuchte und in Einzelteilen über eine lange Treppe in den Festsaal schleppe, schießt mir unter dem leichten Sommeranzug der Schweiß aus allen Poren.
Glücklicherweise hat der rundum verglaste Saal mit unverbautem Blick auf die Außenalster eine leistungsstarke Klimaanlage, und es ist angenehm kühl hier. Vor dem beeindruckenden Panorama zahlloser weißer Dreiecke von Hobbyseglern, die auf der quadratkilometergroßen Wasserfläche wohl doch einen Windhauch abzubekommen scheinen, baue ich meinDJ-Pult auf. Für die hundertfach wiederholten Handgriffe muss ich gar nicht mehr nachdenken. Stattdessen gehe ich im Geiste die Hochzeitsfeier durch, die vor mir liegt. Es ist für mich die neunzehnte in diesem Jahr.
Norma (27) und Raoul (32) sind mir von unserem Vorgespräch in lebhafter Erinnerung. Während der Bräutigam nur zu den wichtigsten Punkten seine Meinung äußerte, diese jedoch wohlüberlegt, sprudelte Norma geradezu über vor Ideen. Wir lachten viel, als wir uns alle möglichen – und auch die unmöglichsten – Szenarien ausmalten. Die beiden gingen sehr entspannt damit um, was die Gäste sich Spaßiges für sie ausdenken könnten. Leider zu entspannt, wie sich zeigen würde …
Gegen zehn vor sechs schnalle ich meine Jazzgitarre um und stelle mich gegenüber dem Eingang in Position, um die eintreffenden Gäste mit live gespielter Musik zu empfangen. Als Erstes möchte ich, passend zum sommerlichen Flair, den Bossa-Nova-KlassikerThe Girl from Ipanema zupfen. Ich gehe davon aus, dass die Leute wie besprochen gegen 18 Uhr die Treppe heraufkommen werden.
Nichts passiert. Zehn nach sechs, Viertel nach. So eine Gitarre kann auf Dauer ganz schön schwer werden, wenn man nicht spielt. Eine hübsche Servicekraft mit einem Tablett voller Sektgläser neben dem Eingang verlagert ihr Gewicht immer wieder von einem Bein auf das andere und seufzt verhalten. Mit einem gequälten Lächeln heitern wir uns gegenseitig etwas auf.
Langsam werde ich unruhig. Um zwanzig Minuten nach sechs lege ich die Gitarre ab und trabe zur Treppe, um einen Blick auf die gläserne Eingangstür unten zu riskieren. Tatsächlich steht dort eine bunte Menschentraube, merkwürdigerweise alle mit dem Rücken zur Tür. Was machen die da bloß?
Halb neugierig, halb voller unguter Vorahnungen schleiche ich runter in die stickige Hitze des späten Nachmittags. Zunächst einmal kann ich nichts erkennen außer einer Wand aus Köpfen und schweißglänzenden Gesichtern. Hier draußen, direkt am Alsterufer, gibt es keinen Quadratmillimeter Schatten.
Als ich bemerke, dass sich die Aufmerksamkeit der Leute auf einen Punkt links konzentriert, bahne ich mir einen Weg in diese Richtung, bis ich Normas blonde, aufwändig frisierten Haare über die anderen Köpfe hinweg entdecke. Warum bewegt sich ihr onduliertes Haupt ruckartig vor und zurück?
Ich bin nah genug, um ein rhythmisches Schaben hören zu können, regelmäßig unterbrochen von einem fiesen Quietschton. Raouls dunkler, von Pomade glänzender Kopf taucht gegenüber seiner Braut auf, in derselben unerklärlichen Bewegung vor und zurück. Erst als ich noch näher herankomme, wird mir klar, dass seine Haare nicht durch die Pomade glänzen. Der Mann brät von Kopf bis Fuß in seinem eigenen Saft.
Zwischen dem Brautpaar stehen zwei Holzböcke, wie man sie von Tapeziertischen kennt. Dazwischen keine Tischplatte, sondern ein langer Holzscheit. Er stammt offenbar von einer Birke und hat den Durchmesser eines Ofenrohrs. Das Ding ist so massiv, dass ein Neandertaler damit ein Mammut mit einem einzigen Schlag niederstrecken könnte.
Jetzt wird alles klar: Bewegungen, Geräusche, Verzweiflung. Raoul und Norma umklammern die Enden einer uralten verrosteten Schrotsäge – e