Die erste Kerbe
Erstveröffentlichung imDRAGON®MAGAZINE Nr. 152
TSR, Dezember 1989
Die erste Kerbewar meine erste veröffentlichte Kurzgeschichte und entstand im Rausch meiner ersten Erfolge als professioneller Schriftsteller. Damals arbeitete ich noch in der Finanzabteilung eines Hightechunternehmens. Die erstenbeiden Drizzt-Romane,Der Gesprungene KristallundDieSilbernen Ströme,verkauften sich gut, und ich schrieb bereits am dritten Band der Serie, als das Angebot kam, eine Kurzgeschichte für dasDragon®-Magazinezu verfassen. Natürlich sagte ich sofort zu, denn ich liebte dasDragon®-Magazineund wollte unbedingt mit dem damaligen Herausgeber, Barb Young, zusammenarbeiten. Außerdem war ich ein junger Autor, der endlich all seine Geschichten aus sich heraussprudeln lassen durfte. Ehrlich gesagt war ich damals im Schreibrausch!
Und darum ging es letztlich auch beiDie erste Kerbe. Ich sollte eine Geschichte über Bruenor schreiben, der mir zwar ans Herz gewachsen war, aber in den Romanen gegenüber Drizzt zunehmend in den Hintergrund rückte. Besonders verlockend war die willkommene Gelegenheit, meine Leser zu foppen. Am Ende vonSilberne Ströme hatte Bruenor scheinbar das Zeitliche gesegnet, und diese Geschichte wirkte deshalb (absichtlich) wie ein Tribut an den verlorenen Freund.
Ein weiterer Anreiz war meine Begeisterung für die Kultur der Zwerge. Diese Geschichte bot mir Gelegenheit zum Fabulieren. Alles dreht sich um Zwerge, wie sie auf ihre unnachahmliche Art und Weise reden, zanken oder jubeln.
Abgesehen davon kommt die wichtigste Aussage der Geschichte ziemlich am Ende: »Ehre geht vor Zorn.« Damals war mir das noch nicht bewusst, aber mit der Zeit wurde dieser Kernsatz zum zentralen Bestandteil des Charakters Bruenor in denLegend of Drizzt-Büchern, besonders beim Vertrag von Garumns Schlucht und dem vernunftgesteuerten Umgang mit König Obould, zu dem Bruenor damals gezwungen war. Ehre geht vor Zorn, Pragmatismus vor Leidenschaft – zumindest wenn es um seinen geliebten Clan ging. Wenn ich die Geschichte heute wieder lese, staune ich, wie tief die individuellen Eigenschaften dieser Gefährten der Halle in meinem Unterbewusstsein verankert sind, denn sie haben sich über zwanzig Jahre hindurch erhalten.
»Habt ihr alles?«, fragte der stämmige junge Zwerg. Seine Hand strich über Wangen und Kinn, die noch haarlos waren.
Die beiden kleineren Zwerge, Khardrin u