: Titus Müller
: Nachtauge
: Karl Blessing Verlag
: 9783641095895
: 1
: CHF 9.90
:
: Erzählende Literatur
: German
: 480
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Akribisch recherchierter Tatsachenroman und packender Spionagethriller

Seit drei Jahren macht der britische Geheimdienst MI5 Jagd auf „Nachtauge“. Hinter diesem Codenamen verbirgt sich eine deutsche Spionin, die Schienen und Brücken zerstört und Verfolger kaltblütig umbringt. Jetzt steht sie vor ihrem größten Coup: der Aufdeckung einer womöglich kriegsentscheidenden großen Operation der britischen Luftwaffe. Diese bereitet die Bombardierung der größten deutschen Stauseeanlagen vor. Erstes Ziel: die Möhnetalsperre.

Hier arbeiten über tausend ukrainische Frauen unter entwürdigenden Bedingungen in einer Munitionsfabrik. Im Lager unterstehen sie dem Befehl von Georg Hartmann. Er gerät unter Druck, weil Gerüchte kursieren, dass er nicht hundertprozentig auf Parteilinie sei. Tatsächlich ist er bei den Arbeiterinnen weit weniger gefürchtet als die brutalen Männer vom Werkschutz. Ahnt Hartmann, dass einige Frauen, unter ihnen auch die ihm sympathische Nadjeschka, einen spektakulären Fluchtversuch planen?

Titus Müller, geboren 1977, studierte Literatur, Geschichtswissenschaften und Publizistik. Mit 21 Jahren gründete er die Literaturzeitschrift »Federwelt« und veröffentlichte seither mehr als ein Dutzend Romane. Er lebt mit seiner Familie in Landshut, ist Mitglied des PEN-Clubs und wurde u.a. mit dem C.S. Lewis-Preis und dem Homer-Preis ausgezeichnet. Seine Trilogie um »Die fremde Spionin« brachte ihn auf die SPIEGEL-Bestsellerliste und wird auch von Geheimdienstinsidern gelobt.

1

Eric Knowlden schaltete das Radio aus. »Weck die Kinder.«

»Was?« Connie sah von der Nähmaschine hoch. »Ich hab sie erst vor einer halben Stunde ins Bett gebracht! Wir können froh sein, dass sie schlafen.«

Er stand auf und ging zum Sekretär hinüber, öffnete die Schublade und entnahm ihr die Mappe mit den Ausweisen und Geburtsurkunden. »Tu es bitte, Connie.«

»Stimmt etwas nicht?«

Er sah aus dem Fenster. Dichter Regen prasselte auf die Pflastersteine. »Hol du die Kinder. Ich hole Decken aus dem Schlafzimmer.«

Endlich verstand sie. Die über Jahre antrainierten Handgriffe setzten ein. Wenige Minuten später traten sie unten auf die Straße. Connie trug das schlaftrunkene Mädchen und die Decken, er trug den Jungen, den Aktenkoffer und die Schachtel mit den Gasmasken. »Ich hab keinen Alarm gehört«, sagte sie verwirrt, während sie die Straße entlangeilten. »Was haben sie im Radio gesagt?«

»Die Royal Air Force hat Berlin bombardiert.«

»Aber das ist doch eine gute Nachricht! Endlich schlagen wir zurück, und sie kriegen heimgezahlt, was sie London angetan haben.«

»Connie, verstehst du nicht?« Der Regen lief ihm über das Gesicht. Trotzdem schwitzte er, Tony war kein Kleinkind mehr, er wog achtunddreißig Pfund. Viele der Läden, in denen sie früher eingekauft hatten, waren nicht mehr da, Lücken klafften in den Häuserreihen. Wo einst Freunde von ihm gewohnt hatten, stand jetzt eine einsame Straßenlaterne und verbreitete trübes Licht. Vor zwei Jahren waren die Bomber jede Nacht gekommen, Hunderte von ihnen. Fünfzigtausend Londoner waren gestorben. Die Stadt war zur Todesfalle geworden.

»Nein, ich versteh’s nicht.«

»Wir haben die Hauptstadt der Deutschen bombardiert. Über dreihundert Flugzeuge. Wir haben ihnen so viel zerstört wie noch nie. Zur Vergeltung werden sie London angreifen. Es geht wieder los.«

Skeptisch sah Connie ihn von der Seite an.

Niemand außer ihnen war auf der Straße. Es war dunkel und kalt. Vielleicht irrte er sich, und die Bomber kamen gar nicht? In den letzten Monaten hatte es nur noch vereinzelt Angriffe und Zerstörungen gegeben, die Deutschen waren mit Russland beschäftigt.

Als sie die Old Ford Road erreichten, jaulten die Sirenen los: der Schmerzensschrei der Stadt.

Sie blieb stehen. »Manchmal bist du mir unheimlich, Eric.«

»Analytische Vorhersagen gehören zu meinem Beruf.«

»Und Verschwiegenheit, ich weiß. Du hast das bestimmt nicht nur aus dem Radio gewusst.«

Sieben Minuten blieben, nachdem der Luftalarm einsetzte – das hatte er wie jeder Londoner verinnerlicht. Sieben Minuten, bis die Bomber über der Stadt waren. Die ersten Haustüren sprangen auf. Immer mehr Menschen stürmten hinaus, ein Strom, der stetig anschwoll und sich zur neuen U-Bahn-Station ergoss. Hier im East End war Bethnal Green der größte Luftschutzbunker. Was einmal eine Station der Central Line werden sollte, hatte sich längst in eine unterirdische Kleinstadt verwandelt. Bei Luftalarm schliefen die Menschen in dreitausend Betten, im Notfall passten zehntausend Leute in die Halle unter Tage. Es gab eine provisorische kleine Bibliothek und einen Saal für Konzerte und Theaterstücke, sogar eine Übergangskirche, in der Gottesdienste gefeiert wurden. Eric kannte die Nachbarn in den reservierten Schlafabteilen, man trank miteinander Tee, sagte sich Gute Nacht.

Noch hundert Meter bis zum Eingang. Der Suchscheinwerfer in den Bethnal Green Gardens flammte auf. »Schneller«, sagte er und begann zu rennen. Connie hielt sich an seiner Seite. Jeden Moment konnte die Flak losfeuern. Dieheißen Granatsplitter der Flugabwehrgeschosse, die vom Himmel regne