: Oscar Wilde
: J. Schulze
: Das Bildnis des Dorian Gray Ein phantastischer Roman
: Null Papier Verlag
: 9783954180844
: Horror bei Null Papier
: 5
: CHF 0.90
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: Hauptwerk vor 1945
: German
: 376
: kein Kopierschutz/DRM
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB/PDF
Für den Müßiggänger Dorian Gray wird der ewige Menschheitstraum wahr: Er kann nicht altern. Stattdessen altert sein gemaltes Porträt. Sein Aussehen ebnet ihm den gesellschaftlichen Erfolg, Jahr ums Jahr zieht ins Land, aber Dorian Gray bleibt der begehrenswerte, blendend aussehende Jüngling. Während er immer maßloser und grausamer wird, bleibt sein Äußeres jung und makellos schön. Nur der Maler seines Bildes schöpft Verdacht, zu wunderlich scheint ihm Grays Alterslosigkeit. Das Geheimnis droht entdeckt zu werden. 'Das Bildnis des Dorian Gray' ('The Picture of Dorian Gray') ist der einzige Roman des irischen Schriftstellers Oscar Wilde. Das seinerzeit als anrüchig geltende Werk war auch Gegenstand des Unzuchtprozesses gegen Wilde. Der Roman gilt als Oscar Wildes Hauptwerk und ist ein Klassiker der Weltliteratur. Null Papier Verlag

Oscar Fingal O'Flahertie Wills Wilde (geb. 16. Oktober 1854 in Dublin; gest. 30. November 1900 in Paris) war ein irischer Schriftsteller, der sich nach Schulzeit und Studium in Dublin und Oxford in London niederließ. Als Lyriker, Romanautor, Dramatiker und Kritiker wurde er zu einem der bekanntesten und - im Viktorianischen England - auch umstrittensten Schriftsteller seiner Zeit. Aus seiner Ehe mit Constance Lloyd gingen zwei Söhne hervor. Wegen seiner homosexuellen Neigungen wurde er wegen Unzucht angeklagt und zu zwei Jahren Zuchthaus mit harter Zwangsarbeit verurteilt; sie ruinierten seine Gesundheit. Nach seiner Entlassung lebte er verarmt in Paris, wo er im Alter von 46 Jahren starb.

Erstes Kapitel


Star­ker Ro­sen­duft durch­ström­te das Ate­lier, und als ein leich­ter Som­mer­wind die Bäu­me im Gar­ten hin und her wieg­te, kam durch die of­fe­ne Tür der schwe­re Ge­ruch des Flie­ders oder der fei­ne­re Duft des Rot­dorns.

Von dem Per­ser­di­wan, auf dem er lag und nach sei­ner Ge­wohn­heit un­zäh­li­ge Zi­ga­ret­ten rauch­te, konn­te Lord Hen­ry Wot­ton ge­ra­de die süß­duf­ten­den und ho­nig­far­be­nen Blü­ten ei­nes Gold­re­gen­strauchs ge­wah­ren, des­sen zit­tern­de Zwei­ge die Last ei­ner so flam­men­den Schön­heit kaum tra­gen zu kön­nen schie­nen; und hie und da flitz­ten die fan­tas­ti­schen Schat­ten vor­bei­flie­gen­der Vö­gel über die lan­gen bast­sei­de­nen Vor­hän­ge des großen Fens­ters und brach­ten eine Art ja­pa­ni­sche Au­gen­blicks­wir­kung her­vor, so­dass ihm die blas­sen, ne­phrit­far­be­nen Ma­ler To­ki­os ein­fie­len, die ver­mit­telst ei­ner Kunst, die nicht an­ders als un­be­weg­lich sein kann, den Ein­druck der Rasch­heit und Be­we­gung her­vor­zu­ru­fen su­chen. Das sum­men­de Mur­ren der Bie­nen, die in dem lan­gen un­ge­mäh­ten Gras hin und her tau­mel­ten oder mit ein­tö­ni­ger Hart­nä­ckig­keit die stau­big­gol­de­nen Blü­ten­t­rich­ter des wu­chern­den Geiß­blatts um­kreis­ten, schie­nen die Stil­le noch drücken­der zu ma­chen. Das dump­fe Ge­tö­se Lon­d­ons klang wie das Schnarr­werk ei­ner ent­fern­ten Or­gel.

In der Mit­te des Ge­ma­ches stand auf ei­ner hoch auf­ge­rich­te­ten Staf­fe­lei das le­bens­große Por­trät ei­nes un­ge­wöhn­lich schö­nen jun­gen Man­nes, und ihm ge­gen­über, et­was ent­fernt da­von, saß der Künst­ler, der es ge­malt hat­te, Ba­sil Hall­ward, des­sen plötz­li­ches Ver­schwin­den vor ei­ni­gen Jah­ren das Pub­li­kum er­regt und so vie­le selt­sa­me Ver­mu­tun­gen er­weckt hat.

Als der Ma­ler auf die an­mu­ti­ge Ge­stalt blick­te, die er so schön in sei­ner Kunst ge­spie­gelt hat­te, über­flog ein Lä­cheln der Freu­de sei­ne Züge und schi­en auf ih­nen ver­wei­len zu wol­len. Aber er fuhr plötz­lich auf, schloss die Au­gen und drück­te die Li­der mit den Fin­gern zu, wie wenn er einen ab­son­der­li­chen Traum, des­sen Er­wa­chen er fürch­te­te, im Hir­ne ge­fan­gen hal­ten woll­te.

»Es ist dei­ne bes­te Ar­beit, Ba­sil, das Bes­te, was du je ge­macht hast«, sag­te Lord Hen­ry mit mü­der Stim­me. »Du musst es be­stimmt nächs­tes Jahr ins Gros­ve­nor schi­cken. Die Aka­de­mie-Aus­s­tel­lung ist zu groß und zu ge­wöhn­lich. Je­des Mal, wenn ich hin­ging, wa­ren ent­we­der so vie­le Men­schen da, dass ich die Bil­der nicht se­hen konn­te, und das war schreck­lich, oder so vie­le Bil­der, dass ich die Men­schen nicht se­hen konn­te, und das war noch schlim­mer. Das Gros­ve­nor ist wirk­lich der ein­zi­ge Ort, der in Fra­ge kommt.«

»Ich den­ke nicht dar­an, es über­haupt aus­zu­stel­len«, ant­wor­te­te der Ma­ler und warf den Kopf in der be­son­de­ren Art zu­rück, über die sei­ne Freun­de in Ox­ford so oft ge­lacht hat­ten. »Nein, ich stel­le es nir­gends aus.«

Lord Hen­ry zog die Brau­en hoch und blick­te ihn durch die dün­nen blau­en Rauch­gir­lan­den, die sich in fan­tas­ti­schen Win­dun­gen aus sei­ner schwe­ren, opi­um­ge­tränk­ten Zi­ga­ret­te em­por­kräu­sel­ten, er­staunt an. »Nir­gends aus­stel­len? Mein Lie­ber, warum? Hast du einen Grund? Was ihr Ma­ler für ku­rio­se Ker­le seid! Ihr tut al­les in der Welt, um be­rühmt zu wer­den. So­wie ihr es seid, scheint ihr des Ruhms über­drüs­sig. Das ist dumm von dir, denn es gibt nur ein Ding in der Welt, das schlim­mer ist, als dass über einen ge­re­det wird, näm­lich, dass nicht über einen ge­re­det wird. Ein Por­trät wie die­ses muss dich weit über alle jun­gen Leu­te in Eng­land he­ben und die Al­ten ganz nei­disch ma­chen – wenn alte Leu­te über­haupt ei­ner Ge­müts­be­we­gung fä­hig sind.«

»Ich weiß, du wirst mich aus­la­chen«, er­wi­der­te je­ner, »aber ich kann es wirk­lich nicht aus­stel­len. Ich habe zu viel von mir selbst hin­ein­ge­bracht.«

Lord Hen­ry streck­te sich auf dem Di­wan aus und lach­te. »Ja, ja, das wuss­te ich, aber es ist völ­lig wahr, trotz­dem.«

»Zu viel von dir soll dar­in sein! Auf mein Wort, Ba­sil, ich wuss­te nicht, dass du so ei­tel bist; ich kann wahr­haf­tig nicht die ge­rings­te Ähn­lich­keit zwi­schen dir mit dei­nem ecki­gen stren­gen Ge­sicht und dei­nen kohl­schwar­zen Haa­ren und die­sem jun­gen Ado­nis fin­den, der aus­sieht, als sei er aus El­fen­bein und Ro­sen­blät­tern ge­macht. Nein, lie­ber Ba­sil, er ist ein Nar­cis­sus, und du – nun, na­tür­lich hast du geis­ti­gen Aus­druck und so wei­ter. Aber Schön­heit, wah­re Schön­heit hört auf, wo geis­ti­ger Aus­druck an­fängt. Geist ist an sich eine Art Über­trie­ben­heit und zer­stört das Eben­maß je­des Ge­sichts. So­wie man sich ans Den­ken macht, wird man ganz Nase oder ganz Stirn oder der­art Gräss­li­ches. Be­trach­te die Män­ner, die in ir­gend­ei­nem ge­lehr­ten Be­ruf Er­folg hat­ten. Wie vollen­det häss­lich sind sie! Aus­ge­nom­men na­tür­lich die Män­ner der Kir­che. Aber in der Kir­che den­ken sie eben nicht. Ein Bi­schof bleibt da­bei, mit acht­zig Jah­ren das­sel­be zu sa­gen, was man ihm als acht­zehn­jäh­ri­gem Jun­gen bei­ge­bracht hat, und die na­tür­li­che Fol­ge ist, dass er im­mer ganz won­nig aus­sieht. Dein ge­heim­nis­vol­ler jun­ger Freund, des­sen Na­men du mir nie ge­sagt hast, des­sen Bild mich je­doch wahr­haft be­zau­bert, denkt nie­mals. Das ist mir ganz si­cher. Er ist so ein hirn­lo­ses, schö­nes Ge­schöpf, das wir im Win­ter im­mer ha­ben soll­ten, wenn es kei­ne Blu­men gibt, auf die wir bli­cken kön­nen, und im­mer im Som­mer, wenn wir et­was zur Ab­küh­lung un­se­res Geis­tes brau­chen. Schmeich­le dir nicht, Ba­sil: du hast nicht die min­des­te Ähn­lich­keit mit ihm.«

»Du ver­stehst mich nicht, Har­ry«, ant­wor­te­te der Künst­ler. »Na­tür­lich habe ich kei­ne Ähn­lich­keit mit ihm – das weiß ich sehr wohl. Ich wäre so­gar trau­rig, wenn ich so aus­sä­he wie er. Du zuckst die Ach­seln? Ich sage dir die Wahr­heit. Es schwebt ein Ver­häng­nis um alle kör­per­li­che und geis­ti­ge Aus­zeich­nung; die Art Ver­häng­nis, die in der gan­zen Ge­schich­te den schwan­ken­den Schrit­ten der Kö­ni­ge auf dem Fuße zu fol­gen scheint. Es ist bes­ser, sich nicht von sei­nen Ge­nos­sen zu un­ter­schei­den. Die Häss­li­chen und die Dum­men sind in die­ser Welt am bes­ten dar­an. Sie kön­nen be­hag­lich da­sit­zen und sorg­los dem Spiel zu­schau­en. Wenn sie nichts von Sie­gen wis­sen, so ist ih­nen da­für auch er­spart, Nie­der­la­gen ken­nen zu ler­nen. Sie le­ben, wie wir alle le­ben soll­ten: sorg­los, gleich­gül­tig und ohne Un­ru­he. Sie brin­gen über an­de­re kein Ver­der­ben und emp­fan­gen es auch nicht aus frem­den Hän­den. Dein Rang und dein Reich­tum, Har­ry; mein Hirn, wie es nun schon ist – mei­ne Kunst, sie mag wert sein, was sie will – Do­ri­an Grays schö­nes Äu­ße­re: wir wer­den alle drei un­ter dem lei­den, was uns die Göt­ter ge­ge­ben ha­ben, schreck­lich lei­den.«

»Do­ri­an Gray? So heißt er?« frag­te Lord Hen­ry und ging durch das Ate­lier auf Ba­sil Hall­ward zu.

»Ja, so heißt er. Ich woll­te dir den Na­men nicht...