: Eva-Ruth Landys
: Die dritte Sünde
: Edition Carat
: 9783937357829
: 1
: CHF 2.70
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 576
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
England 1838: Die Krönung der jungen Victoria steht bevor. Auch Isobel de Burgh, wohlbehütete und egoistische Tochter des Herrn von Whitefell, soll daran teilnehmen. Vor allem, um sich im Rahmen der überbordenden Feierlichkeiten in London einen geeigneten, möglichst adeligen Gatten zu angeln. Doch dann kommt alles ganz anders. Mr Havisham, der reiche Geschäftsfreund ihres plötzlich verarmten Vaters, bekundet deutliches Interesse an ihr. Isobel ist verärgert und enttäuscht. Weiß Lady Craven, die weltgewandte und leichtlebige Freundin ihrer verstorbenen Mutter, vielleicht Rat? Und was hat Havisham mit dem überraschenden Tod David de Burghs, des rechtmäßigen Erben Whitefells, zu tun? Währenddessen zeigt sich auf Whitefell Cathy - Tochter des Landverwesers und Isobels langjährige ungleiche Spielgefährtin wider Willen - erleichtert, endlich von ihrer ungeliebten Herrin befreit zu sein. Doch die kleine Freude währt nicht lang. Isobel kehrt zurück als Verlobte Havishams und erzwingt Cathys Dienste erneut. Cathy wird Isobels Zofe - nicht zuletzt, um deren intime Eskapaden zu decken. Es gibt da nämlich den ausgesprochen verführerischen jungen Stallmeister Aaron Stutter auf Whitefell, der nicht nur Isobels erotische Fantasien beflügelt. Doch Aaron hat ein schreckliches Geheimnis - und er liebt die scheue Cathy. Eine verhängnisvolle Ménage à trois beginnt, die geradewegs in eine Katastrophe führt ...

Eva-Ruth Landys hat sich erst im dritten Anlauf der Schriftstellerei zugewandt. Zunächst studierte sie Sozialarbeit und arbeitete einige Jahre in diesem Berufsfeld. Nebenher startete sie eine erfolgreiche musikalische Karriere und ist inzwischen als Sängerin, Komponistin und Produzentin tätig sowie als Radio- und Musicalautorin. Da diese künstlerische Arbeit auch schriftstellerische Betätigung beinhaltet, drängte es sich auf, endlich dem lang gehegten Wunsch nachzugeben, sich dem Bereich Literatur intensiver zu widmen. Bereits ihr Debütroman 'Pflicht und Verlangen' zeichnete sich durch berührende Einblicke in die Beweggründe und seelischen Stürme von Menschen in besonderen Situationen aus.

Whitefell House, Wiltshire, Frühjahr 1833





Kapitel 1




»Du kannst schließlich nichts dafür, dass du so schrecklich aussiehst!« Das blonde, zwölfjährige Mädchen winkte ungeduldig mit der Hand. Was für ein begriffsstutziges, dummes Ding war dieses schmutzige Mädchen doch nur! Verstand sie denn nicht, dass sie mit ihr kommen sollte? Doch die Kleine zögerte weiterhin, zu schüchtern, auch nur den Blick zu heben. »Ich zeige dir auch meine schönste Puppe«, lockte Isobel listig. Sie würde das Mädchen schon noch dazu bringen, ihr zu folgen. Schließlich bekam sie fast immer ihren Willen. Das wäre ja gelacht!

»Aber sie werden mich nicht hineinlassen!«

Immerhin hatte sie nun endlich den Mund aufgemacht.

»Unsinn! Wenn ich sage, du darfst hereinkommen, dann darfst du hereinkommen. Schließlich bin ich Isobel de Burgh.« Isobel reckte selbstbewusst das Kinn.

»Ich weiß!«, die Kleine wagte nun einen vorsichtigen Blick auf die beeindruckende, in ein mit Spitzen und Schleifen versetztes weißes Kleid gewandete Gestalt des Mädchens vor ihr. »Ich habe dich schon öfter gesehen, wenn du draußen im Garten warst.«

»Hast du mich etwa beobachtet?«, fragte Isobel mit gespielter Empörung. Insgeheim schmeichelte ihr der Gedanke, von den Landarbeiterkindern neidisch bewundert zu werden. Die Kleine sank förmlich in sich zusammen vor Scham. Offensichtlich hatte sie sie tatsächlich heimlich beobachtet. Schuldbewusst betrachtete das schmächtige Mädchen intensiv die Spitzen seiner mit Schlamm bespritzten Holzpantinen.

»Du brauchst dich nicht zu schämen. Die anderen Kinder hier auf dem Gut machen das auch«, tröstete Isobel sie generös. »Aber nun komm endlich!«

Eingeschüchtert setzte sich das Kind in Bewegung und trottete folgsam hinter Isobel her.

»Wie heißt du eigentlich?«, fragte Isobel neugierig. Sie hatte das Mädchen noch nie auf dem Gut gesehen. Vielleicht war sie die Tochter des kürzlich neu eingestellten Feldpflegers ihres Vaters. Der alte Rapkin hatte sich im Winter zur Ruhe gesetzt und ihrem Vater den Mann als fleißig und vertrauenswürdig empfohlen. So war dieser Neue, Thomson hieß er wohl, erinnerte sich Isobel, aus dem Munde ihres Vaters gehört zu haben, mit Sack und Pack in das Haus vom alten Rapkin eingezogen, das eine dreiviertel Meile vom Herrenhaus entfernt auf den Besitzungen ihres Vaters stand.

»Kathleen«, wisperte das schmutzige, unansehnliche Geschöpf, »aber daheim nennen mich alle Cathy.«

»Und warum bist du so furchtbar schmutzig, Cathy?«, fragte Isobel nun mit leichtem Spott in der Stimme. »Hast du keine Mama, die dir sagt, dass du dich waschen sollst?«

Cathy senkte einmal mehr schuldbewusst den Blick. »Nein«, stotterte sie, »meine Mama ist im Himmel. Sie ist vor vier Jahren gestorben, als unser Billie auf die Welt kam.«

»Oh, das tut mir leid! Meine Mama ist auch schon lange tot«, meinte Isobel leichthin. Sie konnte sich an ihre Mutter, die wohl sehr schön gewesen sein musste, wenn sie den Erzählungen von Mrs Branagh Glauben schenken konnte, nicht erinnern. Sie war ein Jahr nach ihrer Geburt an einer Lungenentzündung gestorben. Isobels Vater, der ehrenwerte Mr Francis de Burgh, hatte daraufhin nicht erneut geheiratet. Ihre Mutter war bereits seine zweite Frau gewesen. Auch seine erste Frau war vorzeitig gestorben. Aus dieser Ehe war ein Sohn hervorgegangen, inzwischen erwachsen und Offizier bei der East-India-Trading-Company. Daniel war lange nicht mehr zu Hause gewesen. Er verstand sich nicht gut mit seinem Vater, der zwar kein herrisches Wesen hatte, aber zuweilen doch recht dickköpfig sein konnte. Nur ihr gegenüber zeigte sich der Vater ungewöhnlich nachgiebig und las ihr fast jeden Wunsch von den Augen ab. Ein Umstand, den Isobel durchaus für ihre Zwecke zu nutzen wusste.

Inzwischen hatten die beiden Kinder die weitläufigen Gartenanlagen des Herrenhauses durchquert. Cathy blickte unsicher zu den Erkern und Türmchen des wuchtigen Gebäudes auf, das aus weißem Kalkstein erbaut in der Abendsonne des noch kühlen Frühlingstages