: Jutta Wilke
: Wie ein Flügelschlag
: Coppenrath Verlag
: 9783649611387
: 1
: CHF 7.10
:
: Jugendbücher ab 12 Jahre
: German
: 288
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein Stipendium an einem der renommiertesten Sportinternate! Für die sechzehnjährige Jana geht damit ein grosser Traum in Erfüllung. Bis sie eines Tages ihre Freundin Melanie leblos im Schwimmbecken findet und sich alles in einen Albtraum verwandelt. Jana will nicht glauben, dass Mel an plötzlichem Herzversagen gestorben ist. Aber egal, an wen sie sich wendet, überall stösst sie auf eine Mauer des Schweigens. Schliesslich versucht sie, auf eigene Faust herauszufinden, was hinter den Machenschaften im Internat steckt, und kommt zusammen mit Mels Bruder Mika der schrecklichen Wahrheit auf die Spur ...

Über zwölf Jahre war Jutta Wilke selbstständige Anwältin für Familienrecht. Nach der Geburt ihres fünften Kindes hängte sie ihre Robe an den Nagel, um sich ganz ihrer Grossfamilie zu widmen. Als dann auch der jüngste Spross einen Kindergartenplatz ergatterte, beschloss Jutta Wilke, noch einmal ganz neu durchzustarten und endlich das zu machen, wovon sie ihr Leben lang geträumt hatte: Kinderbuchautorin zu werden. Für 'Wie ein Flügelschlag' erhielt Sie ein Stipendium des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kultur.

Wenn ich hier fertig bin, bringe ich sie um. Eigenhändig.

Noch vierundzwanzig Runden.


I came to win, to fight…


Rihanna in meinen Ohren gibt mir den Takt vor.

Noch dreiundzwanzig Runden.

»He, Jana. Viel Spaß noch!«

Ich beiße die Zähne zusammen. Drehe die Lautstärke höher.


I came to fly…


Halt dich da raus, Nora. Sonst bring ich dich gleich mit um.

Noch zweiundzwanzig Runden.

Ich schaue den anderen nach. Meine Finger sind steif vor Kälte. So gut es geht, ziehe ich dieÄrmel meines Sweatshirtsüber die geballten Fäuste. Meine Handschuhe sind spurlos verschwunden. Wieder mal.

»Heute gibt's Rührei. Soll ich deine Portion gleich mitessen?«

Bea. Die frisst doch sowieso schon für drei. Nur nicht reagieren. Laufen. Einfach weiterlaufen und nicht hinhören. Die anderen interessieren mich nicht. Mir geht es nur um Melanie. Melanie Wieland.

Noch einundzwanzig Runden.

Sie hatte versprochen zu kommen. Hatte versprochen, mir zuzuhören. Die halbe Nacht habe ich wach gelegen, mir die Worte zurechtgelegt, einen Ausweg gesucht. Aber es gibt nur diese eine Möglichkeit.

Noch zwanzig Runden.

Wir hatten nicht miteinander gesprochen, aber ihre SMS war eindeutig.Okay, lass uns reden. Ich komme zur Bushaltestelle. Mel

Die anderen trafen sich auf dem Schulhof. Die Haltestelle war eine gute Idee. Dort in dem Wartehäuschen würde uns niemand sehen.

Ich war bereit gewesen. Hatte meine Entscheidung getroffen. Fragte mich inzwischen sogar, warum ich so lange dafür gebraucht hatte.

Ich hasse dieses Stadion. Es ist stockdunkel. Flutlicht gibt es nicht. Und der Untergrund ist vereist vom festgetretenen Schnee. Zehn Kilometer hat Drexler mir aufgebrummt. Zehn Kilometer, hübsch aufgeteilt in 400-Meter-Runden. Sechs Runden habe ich schon hinter mir. Fehlen nur noch neunzehn Runden auf dieser verdammten Bahn.

Mein Atem malt weiße Wolken in die Luft. Der Schnee knirscht unter meinen Füßen. Es ist immer noch dunkel, und ich muss höllisch aufpassen, dass ich nicht ausrutsche.

Noch achtzehn Runden.

»Geht's ein bisschen flotter? Was soll das werden? Ein Winterspaziergang?«

Drexler. Der Duft von frischem Kaffee steigt mir in die Nase. Verdammt. Wo hat der Kerl jetzt einen Kaffee her? Ich ziehe das Tempo ein wenig an.

Noch siebzehn Runden.

Es fängt an zu dämmern. Die Ersten kommen aus dem Wohntrakt, frisch geduscht, die Klamotten gewechselt. In der Mensa brennt Licht.

»Ich gehe jetzt frühstücken. Du läufst die zehn zu Ende. Und pass auf, dass du nicht einschläfst dabei.«

Ich schlucke meine Antwort hinunter. Mit dir lege ich mich nicht an. Noch nicht. Erst will ich mit Melanie reden.

»Nächstes Mal kommst du pünktlich zum Morgentraining. Dafür sorge ich schon, Jana Schwarzer.«

Ich erreiche die Kurve und höre Drexlers Stimme nur noch im Rücken. Sie berührt mich nicht. Soll er toben. Wenn er erfährt, was ich Melanie sagen will, wird er noch viel mehr toben. In meinem MP3-Player hat Nicki Minajübernommen. Singt gegen Rihanna an.


I wish today it will rain all day…


Noch sechzehn Runden.

Melanie. Vermutlich liegt sie noch zu Hause im Federbett und träumt von Pokalen. Es kommt häufiger vor, dass sie das Morgentraining schwänzt. Die Externen nehmen es mit dem Frühsport nicht so genau. Melanie musste noch nie Strafrunden laufen. Dafür sorgt ihr Vater schon.

Noch fünfzehn Runden.

Ich habe kein Problem damit, vor dem Frühstück zu trainieren. Meistens bin ich sowieso schon wach und die Waldläufe machen mir Spaß. Im Wald ist es anders als auf der Bahn. Vor allem im Winter. Die Stämme der grauen Bäume glitzern jetzt silbern in der Dunkelheit. Der Frost der letzten Nacht hat alles mit einer schützenden Hautüberzogen. Ich stelle mir vor, einer von ihnen zu sein. Stark und unbeweglich…

Auch heute war ich früh wach, stand wie vereinbart pünktlich am Bushäuschen und habe gewartet. Wer nicht kam, war Mel. Bis mir endlich klar wurde, dass sie mich einfach versetzt hat, war Drexler mit den anderen längst weg. Ich hab noch versucht, Mel auf dem Handy zu erreichen. Ohne Erfolg. Schließlich hab ich nichts mehr gemacht. Nur gewartet. Als Drexler mit der Gruppe aus dem Wald zurückkam und mich mit Kopfhörern im Ohr an der Bushaltestelle sitzen sah, ist er explod