Das war's dann, dachte ich. Mit bangem Blick schaute ich zu Finn herüber, der blass, klein und dürr vor unserem Trainer auf der Sportmatte stand. Und nicht nur ich– alle, wirklich ALLE aus demWing-Tsun-Kurs taten dasselbe. Sie starrten Finn an und warteten gespannt darauf, was gleich passieren würde.
Finns Kopf versank zwischen den Schultern und seine Ohren fingen an zu glühen. Ein echt außerirdischer Anblick: zwei abstehende Feuergriffel zu kalkweißem Gesicht. Brrrr… wirklich schockgruselig.
Warum? Ich meine, WARUM musste unser Trainer ausgerechnet Finn auswählen? Er hätte jeden von uns nehmen können. JEDEN! Oder noch besser: MICH! Und dann auch noch in der allerersten Trainingsstunde! Verdammt, ich wollte gar nicht hinsehen…
»Finn, folgende Situation: Du stehst auf dem Schulhof und ein wesentlich kräftigerer Typ kommt auf dich zu«, sagte Tobi.
Finn nickte.
Klar doch, jeder war kräftiger als Finn.
»Also, der Typ pöbelt dich an. Er packt deine Unterarme und will dich in den Schwitzkasten nehmen. Wie reagierst du?«
Blöde Frage, wie soll Finn schon reagieren?, dachte ich. Mit Heulen, Jammern und Um-sein-Leben-Flehen natürlich! Was sollte mein blassbackiger Beinahe-Bruder auch sonst tun?!
Unser Trainer Tobi umfasste Finns Unterarme mit gestähltem Schraubstockgriff und schaute ihn grimmig an. So grimmig wie ein echt fieser, hässlicher, bösartiger Riesentroll.
»Ich verabscheue Gewalt«, erklärte Finn mit sanfter Chorjungenstimme.»Aber wenn Worte zu nichts mehr führen…« Er seufzte tief.
Dann ging auf einmal alles ganz schnell. Praktisch wie von Geisterhand. Zack-Rumms! Und schon lag er am Boden.
Aber nicht Finn, sondern Tobi!
Flach wie 'ne Flunder. Der Länge nach. Voll umgehauen.
Von Finn!
Ich traute meinen Augen nicht. Tobi offensichtlich auch nicht. Leicht verwirrt rappelte er sich wieder hoch und schaute Finn an. Diesmal eher Marke Schmusekätzchen, dem man einen Leckerbissen vor die Schnauze hält.
»Jepp, das war spitze«, krächzte er hörbar beeindruckt.
»Woher kennst du diesen Griff?«
»Ähm…«, hüstelte Finn neunmalklug herum, während sich in mir eine böse Vorahnung breitmachte.»Ich habe vor Kurzem einäußerst interessantes Buchüber die Kunst des Wing Tsun gelesen.«
»Echt? Du kennst diesen Griff aus einem Buch?«, rief Tobi.
Die anderen aus unserem Kurs brachen in lautes Gelächter aus. Und ich konnte es ihnen noch nicht einmal verdenken. Ich hätte nämlich auch gelacht, wenn es nicht so friedhofstraurig gewesen wäre.
»Hey, was gibt's da zu lachen?«, motzte Tobi uns an.»Wer sich traut, kann ja gerne mal gegen Finn antreten.«
Oh bitte, nur das nicht! Mir war natürlich sonnenklar, dass das gerade alles nur Show gewesen war. Aber wenn jetzt einer der anderen Jungs Finn mit lockerem Fliegengriff auf die Matte schickte, dann schnallten die doch sofort, dass Tobi eben nur sogetan hatte, als ob der dürre Finnüber galaktische Yoda-Kräfte verfügte. Und auf wen würde der Riesenbeschiss zurückfallen? Natürlich auf mich! Schließlich wussten die ganz genau, dassich Finn hier angeschleppt hatte.
Hektisch warf ich einen Blick auf die Wanduhr. Noch zwanzig Minuten. Zwanzig winzig kleine Minütchen. Die mussten doch irgendwie zuüberstehen sein.
»Okay, ich mach's!«, rief ich, ohne lange zuüberlegen.
Tobi nickte anerkennend.»Respekt«, meinte er.
Ich zwinkerte ihm verschwörerisch zu. Dann stand ich auch schon Finn gegenüber und hatte seine knöchrigen Handgelenke umfasst.
»WU-HA!«, machte ich und tat so, als ob ich mich wahnsinnig anstrengte. Dabei verzog ich gespielt beeindruckt das Gesicht. Wir rangelten zwei-, dreimal hin und her.
Alle Achtung, der Hungerhaken ist doch kräftiger, als ich dachte!, schoss es mir durch den Kopf. Zeit, dem Schauspiel ein Ende zu bereiten.
Schon wollte ich Finn mit einer lockeren Schulterwurftechnik den Boden küssen lassen. Doch mit einem Mal verfügte der Zwerg tatsächlichüber mächtige Jedi-Meister-Kräfte oder so wasÄhnliches. Jedenfalls bekam ich ihn einfach nicht auf die Matte und das machte mich langsam, aber sicher echt… ARRRGH!
Reiß dich zusammen, Rick. Denk daran, was du Pa und Linda hoch und heilig versprochen hast: Mit Finnilein wird weder gestritten noch wird ihm wehgetan.
Aber hier ging es um mehr. Hier ging es um meine Ehre! Aus dem Augenwinkel sah ich, dass die anderen aus der Gruppe schon miteinander zu tuscheln begannen. In meiner Verzweiflung fing ich an, wie wild an Finn herumzuzerren. Ich zog und riss und drückte und presste, aber Finn drehte sich einfach nur elegant wie Zorro höchstpersönlich aus meiner knallharten Umklammerungstechnik.
»Hey, was soll das?«, regte ich mich auf.
Das ging doch nicht mit rechten Dingen zu. Auf. Gar. Keinen. Fall.
»Was?« Finn blinzelte mich unschuldig an.
»Das ist irgend so ein fieser Trick.«
»Quatsch! Wie kommst du denn darauf?« Finn trat einen Schritt zurück und zuckte