DAS MONTAGSKIND
Ich bin ein Montagskind. Das ist mein Elend. Eigentlich hätte ich an einem Sonntag geboren werden sollen, so zumindest hatte das der Frauenarzt meiner Mutter ausgerechnet. Aber die war zuängstlich– ich war ja ihr erstes Kind–, kniff immer wieder zu, hielt zurück, presste nicht genug. Da wurde es dann nach Mitternacht, bis mein Köpfchen endlich zu sehen war, und das Glück der Sonntagskinder hatte sich längst einen anderen Gefährten suchen müssen. Mich beehrt es relativ selten. Wahrscheinlich fühlte es sich damals verschmäht.
Wissen Sie, was das bedeutet, an einem Montag das Licht der Welt erblickt zu haben? Man trägt das ganze Leben einen Reinlichkeitswahn mit sich herum. In unserer Gegend ist der Montag nämlich der traditionelle Waschtag. Früher knatterten Montag für Montag ungezählte Reihen blanker Laken an Wäscheleinen im Wind. Heute gibt es ja Trockner, da merkt man das nicht mehr so, aber mein erster Blick auf die Welt war geprägt davon. Makelloses Weiß.
Schon als Kleinkind machte sich bei mir deshalb ein herausragender Hang zur Sauberkeit bemerkbar. Schmierte ich mir im Matsch die Hemden und Hosen voll, schrie ich wie am Spieß. Stets achtete ich darauf, fleckenlos gekleidet zu sein. Ich weiß gar nicht, wie ich die Jahreüberstanden habe, in denen ich noch in den Windeln lag. Meine Mutter meinte immer, mein Greinen läge an Blähungen und pumpte mich mit Fencheltee voll. Ich glaube eher, es war der Ekel vor den Ausscheidungen meines Körpers auf meiner vor dem direkten Kontakt nur durch Penatencreme geschützten Haut. Später dann hasste ich es, Taschentücher zu benutzen. Die hübschen, oft bestickten Quadrate aus reiner Baumwolle mit Schnupfen zu beschmutzen war mir ein Gräuel. Zum Glücküberfluteten bald preisgünstige Tempos den Markt.
Mein Trieb ließ mich früh zur Zielscheibe für den Spott meiner Spielkameraden werden.»Meister Propper« nannten sie mich hinter vorgehaltener Hand. Heimlich war ich stolz auf diesen Beinamen. Er drückte alles aus, was ich im Leben zu sein anstrebte.
Einmal hatte ich dann doch großes Glück, das war, als ich von der Grundschule in die Realschule kam. Wir sollten das schönste Kind in unserer Klasse wählen. Natürlich rechnete sich besonders Sabine Maahrenholz viele Chancen aus. Mit ihren blonden Korkenzieherlocken und ihren blitzschwarzen Lackschuhen, die so schön knallten, wenn man sie zuerst zusammenstieß und dann ganz schnell wieder auseinander zog, sah sie aus wie Schörli Tempel. Sabine hatte nur einen Fehler, ihre Finger waren ständig mit Tinte verschmiert. Das kam davon, dass sie ihren Füller nicht ordentlich, nicht so wie ich, behandelte. Kurz und gut, es war eine absolute Neuheit, dass die 5a in jenem Schuljahr einen Jungen zum hübschesten Kind wählte, mich! Tagelang klimperte ich vor Glück und Stolz mit meinem 1. Preis: einem klappbaren Taschenspiegel mit Metallgehäuse. Er sollte meinen weiteren Lebensweg prägen.
Zu Hause musste ich den Spiegel verstecken, mein Vater hätte wenig Verständnis dafür gehabt. Er wollte mich zu einem richtigen Mann erziehen, und irgendwie passte meine Persönlichkeit nicht zu seinen Vorstellungen von einem ganzen Kerl. Der hatte von Montag bis Freitag das gleiche Paar Socken zu tragen, wusch sich höchstens am Sonnabend einmal und fiel in Zusammenkünften vor allem durch hingebungsvolles Popeln auf. Können Sie sich ein waschechtes Montagskind vorstellen, das in der Nase bohrt? Und noch dazu vor Publikum? Eben!
Mein Taschenspiegel begleitete mich durch die Schulzeit bis zum Realschulabschluss. Mit ihm war es mir möglich, meine heimliche Liebe, Gretchen Schwarzer, ungestört zu beobachten. Ich wählte immer einen Platz vor ihr im Schulbus und hielt meinen Spiegel dann so, dass sich ihr liebliches Gesichtchen darin reflektierte. Ich war fasziniert von Gretchen, weil sie so anders war.
Die Schwarzers waren eine Familie, die ihre Existenz am Rande dessen bestritt, was sich gehörte. Genau genommen waren sie gar keine Familie. Herr Schwarzer hatte Frau und Kinder nämlich schon vor Jahren sitzen lassen. Gretchen, mein Schwarm, war das jüngste Kind und sozusagen Schuld am Unglück ihrer Mutter.»Die war eine zu viel für den armen Jakob,« raunten die Frauen im Dorf, wenn sie ihr begegneten. Selten kam Gretchen mit heilen, geschweige denn sauberen Sachen in die Schule. Manchmal, wenn selbst ihr Haar ungekämmt um ihren Kopf abstand, konnte ich meinen Blick gar nicht mehr von ihr abwenden. Selbst im Unterricht holte ich dann meinen Klappspiegel hervor und beobachtete sie heimlich. Ich konnte meinen Drang, aufzustehen und ihre Haare zu kämmen nur mit Mühe unterdrücken. Immer weniger achtete ich auf den Stoff, den wir im Unterricht durchnahmen. Plötzlich entwickelte ich mich von einem Streber, dessen Noten vor Sehr Guts nur so strotzten zum Schlusslicht der Klasse. Das durfte nicht sein. Ich war als Montagskind doch dazu auserkoren, mit leuchtendem Beispiel voranzugehen. Etwas musste geschehen! Nur wusste ich noch nicht, was.
Gretchen schien von meiner Not nichts zu spüren. Sie lachte, wenn die anderen sie hänselten, weil ihre Strumpfhose eine Laufmasche hatte. Kümmerte sich auch nicht weiter darum, wenn auf ihrem Kleid Suppenspritzer getrocknet waren, an denen noch Nudeln klebten. Diese dünnen Teigfäden ließen mich gar ni