Alte Wunden
Nach einer unruhig verbrachten Nacht fragte sich Fitzmorton am nächsten Morgen, ob er sich nicht mal zur Abwechslung krankmelden sollte. Grippaler Infekt, so wie in seinen Kindertagen, als seine Mutter diese Krankheit stereotyp auf alle seine Schulentschuldigungen geschrieben hatte, egal wie sehr die Lehrer die Augenbrauen hochziehen mochten. Fitzmortons Mutter Margaret verachtete Vorschriften aus Prinzip, sie allein entschied, ob ihr Sohn fit war, um zur Schule zu gehen oder nicht, basta. Interessanterweise hatte er diese Haltung der Mutter selten ausgenutzt. Es genügte ihm zu wissen, dass er jederzeit seinen grippalen Infekt haben konnte, wenn ihm nur danach war. Was wohl sein Vater davon gedacht haben mochte? James Fitzmorton war Beamter im Landwirtschaftsministerium gewesen. Ein ziemlich gefühlloser Pedant, wie seine Schwester Elisabeth einmal geringschätzig erzählt hatte. Immerhin hatte er der Familie nach seinem frühen Tod eine ordentliche Beamtenrente hinterlassen.
Es war schon neun Uhr. Sein batteriebetriebener Wecker hatte sich gerade diese Nacht ausgesucht, um schlappzumachen. Seit Jahren hatte der Inspector zum ersten Mal wieder verschlafen. Hinter einer dicken Wolke hervorquellend, schickte die Sonne silberharte Strahlen in sein Zimmer. Schlaftrunken schloss Fitzmorton die gepeinigten Augen.
Er dachte daran, wie geblendet er vor zwei Monaten gewesen war, als ihm die Familienanwälte das Testament seines verstorbenen Vetters Colin verlasen. Es ging darin um Geld, Häuser und Titel. Colin bezeichnete den Titel ironisch als„albernen Adel um die Ecke“, mit dem er Fitzmorton viel Spaß wünschte. Colin hatte vor der Familientradition keinerlei Respekt gehabt.
Fitzmortons erlauchter Vorfahr, Captain Nicholas de la Chérois, ein aus Frankreich eingewanderter adeliger Hugenotte, war 1608 zum ersten Baronet erhoben worden. Da er nur eine Tochter hatte, die einen jungen schottischen Offizier geehelicht hatte, erhielt er wegen seiner Verdienste von der Krone ausnahmsweise das Recht, den Titel an seinen Enkel, denältesten Sohn seiner einzigen Tochter Madeleine, zu vererben. Vermutlich durch Bestechung, dachte Fitzmorton, der wusste, dass dieses Krebsgeschwür seit Jahrhunderten wucherte. Selbst in seiner Funktion war ihm schon einmal Geld angeboten worden, obwohl es um Mord ging. Manche Leute glaubten tatsächlich, ein Menschenleben sei käuflich wie eine Makrele. Money makes the world go round!
Der Inspector stand auf und schaltete das Radio ein. Die Börsenkurse zogen an, weil ein Großkonzern Leute entließ. Fitzmorton schaltete angewidert wieder ab. Aber Geld hatte auch bei seinen Vorfahren eine nicht geringe Rolle gespielt.
Madeleine de la Chérois hatte den mittellosen Leutnant James-Charles Fitzmorton aus der unbedeutenden Seitenlinie eines alten schottischen Clans geheiratet. James-Charles Fitzmorton gelang es, zum Range eines Colonels aufzusteigen. Nach einer kleinen Heldentat– und mit dem nützlichen Geld der Chérois nachhelfend– schaffte er es, selbst zum Baronet erhoben zu werden, was ihn außer zum Baron de la Chérois nun auch noch zum Baron Fitzmorton of Morton machte, sodass nunmehr gleich zwei Titel vererbt werden konnten. Danach waren die Baronets in bunter Folge Offiziere, Anwälte, Beamte, Landwirte, Börsenmakler und– jetzt– Polizisten gewesen. Irgendwelcheübermäßig bedeutenden Persönlichkeiten, im Guten wie im Bösen, hatten sie aber nicht mehr hervorgebracht.
Über diesen glanzlosen Teil der Familiengeschichte hatte sich Fitzmorton schon immer amüsiert, im Gegensatz zum Rest seines Clans, der so stolz auf die Titel war, als wäre dieser Hugenotte Chérois ein Kämpe aus dem Gefolge des blutigen Normannenkönigs William und Colonel James-Charles Fitzmorton ein wahrhaftiger schottischer Chieftain gewesen. Fitzmorton wusste noch nicht einmal, ob die Familie ein eigenes Tartanmuster besaß, denn er hatte nie Lust verspürt, einen Kilt zu tragen.
Mit der Familie seines, vor gut einem Jahr verstorbenen, kinderlosen Großonkels, Generalmajor Sir James Charles Fitzmorton MBE, eines ebenso konservativ-zackigen wie langweiligen Infanterieoffiziers, hatte er kaum Kontakt gehabt. Schwach erinnerte er sich aber, Sir James tatsächlich einmal im Kilt gesehen zu haben.
Der hatte wutschnaubend, aber kinderlos und deshalb machtlos„ausgerechnet dieser Schwuchtel Colin!“ den langatmigen Titel des zwölften Baronets Fitzmorton of Morton de la Chérois vererben müssen.
Vetter Colin war ein kleiner Londoner Börsenhai, unverheiratet, besser gesagt schwul und daher ebenfalls kinderlos. So fürchtete der Inspector seit dem Todestag des Generals sein seltsames Los, eines Tages der dreizehnte Baronet Fitzmorton zu werden. Er empfand das als stete Bedrohung. Seit Längerem schon hatte Colin verdächtig gekränkelt, der Inspector hatte AIDS befürchtet, es aber zu seinen Lebzeiten lieber nicht so genau wissen wollen.
Fitzmorton dachte an den namenlosen Toten in dem miesen Souterrain-Zimmer und sein eigenes seltsames Schicksal. Der Mörder hatte ihn seiner Kleider und seiner Identität beraubt. Es war Fitzmortons Aufgabe, dem Mann seinen Namen wieder zurückzugeben.
Er hatte nur still geseufzt, als ihm Jeremias-Augustus McKnee, ein dürrer Endvierziger in einem altmodischen schwarzen Anzug, vor wenigen Wochen in den aufgedonnerten Räumen der Kanzlei Robertson, McKnee& Filthy hochtrabend mitteilte, dass er nun berufen sei– nach Colins viel zu frühem Tod–, die doppelt adelige Linie der Barone Fitzmorton fortzusetzen. Ausgerechnet er, der sich stets darum bemüht hatte, unauffällig zu leben und zu arbeiten. Zu unauffällig, wie ihm seine enttäuschte Ehefrau schnippisch mitteilte, bevor sie ihn verließ.<