: Klaus Seehafer
: Casanovas späte Liebe Roman
: Bookspot Verlag
: 9783937357553
: 1
: CHF 1.80
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 201
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Nach seiner Flucht aus dem schrecklichsten Gefängnis des Kontinents ist Casanova jahrelang durch ganz Europa gereist, um schließlich in seine Heimatstadt Venedig zurückzukehren. Noch immer glänzt der große Verführer mit seinem Charme: Nachts liebt er die junge Elvira, nachmittags ihre Schwester Mona. Die Reichen und Noblen der Stadt laden ihn ein, um von seinen Abenteuern zu hören. Gleichzeitig lässt Casanova die ständige Frage nach seinem Verräter, dem Mann, der ihn in die furchtbaren Bleikammern der Lagunenstadt gebracht hat, nicht los. Doch dann macht er eine Entdeckung, die ihn alles in anderem Licht sehen lässt. Der große Verführer ist ein gereifter Mann, mit leiser Melancholie betrachtet er die Lagunenstadt, die Liebe und die Philosophie. Klaus Seehafer hat ein sensibles, wunderbar unaufdringliches Porträt des alternden Casanova gezeichnet.

Klaus Seehafer, 1947 in Hessen geboren, wuchs in der Eifel und in Bayern auf. Er arbeitete als Buchhändler, Journalist und leitete dreißig Jahre lang die Stadtbibliothek Diepholz/Niedersachsen. Seit 2005 lebte er als freier Schriftsteller in Bitterfeld/Sachsen-Anhalt.

»Ich weiß nicht, was ich heute mehr an dir bewundern soll«, ließ sich Maffei aus dem Hintergrund seines dunklen Ladens vernehmen. »Die durchdringende Kritikfähigkeit, mit der du aus einem Vorwort gleich aufs Ganze zu schließen vermagst, oder deinen absoluten Willen zur Sparsamkeit. Scher dich zum Henker!«

»Den Teufel werd ich tun, alter Brummkopf. Ich weiß doch genau, dass du die für einen Händler widernatürliche Eigenart hast, die wirklich interessanten Sachen zu verstecken, um sie bis zum Ende aufzuheben, für den Augenblick, da arme Leser wie ich, die zweimal widerstanden haben, sich beim dritten Mal, wenn die Kräfte des Neinsagens aufgebraucht sind, dem Ansturm eines verlockenden Angebots nicht mehr versagen können. Ich kenne dich, Curzio. Also zeig schon her.«

Der Buchhändler hatte das vermutete Werk längst in der Hand und auch schon selbst gelesen, denn es war sauber beschnitten, der Außensteg leicht verzogen, und es besaß einen festen Pappeinband, der mit herrlich marmoriertem Papier beklebt war. Ein blau-grau-grünes Muster, das Maffei zuerst bei einem alten florentinischen Freund gesehen hatte und nun gern für kostbare Kleinigkeiten verwendete. Er machte ein wenig Platz auf dem Tischchen, das seinem kleinen Schaufenster zunächst stand, und legte das dünne Werk aufgeschlagen hin. Die drei Männer beugten sich über das Titelblatt. Es nannte einen Grafen Mirabeau.

»Nie gehört«, murmelte Maffei. »aber was für ein Buch!« Er streichelte zärtlich über die erste Seite. »,Essai sur le Despotisme’. Ich habe es an einem einzigen Abend durchgelesen. Wer immer dieser Mann ist, das Buch hat Wucht und Sprengkraft, so klein es ist. Er will es in drei Monaten im Gefängnis geschrieben haben. Ein Verbrecher vielleicht? Ein Störer der öffentlichen Ruhe? Ein Attentäter?«

Casanova erwiderte: »Wenn es der Sohn des Grafen Victor de Riqueti ist, der des Weiteren auch Mirabeau heißt, dann kenne ich zumindest den Alten und habe vom Jungen gehört. Wenn dein Vater, lieber Cesare, ihn zum Sohn hätte, er würde ihn sofort gegen dich eintauschen. Ein vieldeutiger Charakter, sprühend von Geist, aber auch ein großer Trinker und Liebhaber vor dem Herrn. Wenn er nicht in den nächsten Jahren irgendwann endgültig im Schoß einer Schönen stecken bleibt und sein Leben mit einem weinsauren Rülpser aushaucht, dann wird er seinen Lärm vielleicht in der Politik fortsetzen oder, besser noch, ein paar gute Bücher schreiben. Das Zeug dazu hat er bestimmt. Ich hörte in Paris, sein eigener Vater würde ihn am liebsten ins Gefängnis bringen. Vielleicht ist er ja unser Autor. Vielleicht hat der alte Riqueti seine Drohung wahr gemacht, und dieser Entzug von allen Lastern war das Beste für den jungen Mann. In diesem Falle hätte er auch Zeit gehabt, in aller Ruhe einen« – Casanova zählte die unpaginierten Seiten durch –, »einen Sechs-Bogen-Essay zu schreiben. Wovon handelt er, Curzio?«

»Wenn sein König das liest, bleibt er für immer im Gefängnis, denn Mirabeau lehnt sich gegen jede Art der Despotie auf. Und obwohl er behauptet, das Büchlein ohne Plan und Ordnung geschrieben zu haben, folgert ein Gedanke so zwingend aus dem anderen, dass er entweder mit dieser Vorstellung kokettiert oder, was ich mehr glaube, dass es ein lang gereiftes Glaubensbekenntnis ist. Wir alle, schreibt er, seien von Grund auf gut und sogar in Gesellschaft verträglich. Wir seien auf Eintracht und Harmonie aus, aber die Des