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Ich will die Gnade des Herrn allezeit loben und den kommenden Generationen von seiner Treue erzählen.
Psalm 89,2
5| Ein Lied auf gebrochenen Saiten
Die Deutschen hatten in der ganzen Welt das Gesicht verloren. Ihre Häuser waren zerstört. Als sie von den Verbrechen in den Lagern hörten, waren viele verzweifelt. Viele haben wirklich nie etwas davon gewusst. In den ersten Jahren nach dem Kriege waren sie von Hoffnungslosigkeit gezeichnet, und die Heimkehrer hatten nichts mehr, wofür sie leben konnten. Ganze Familien waren ausgerottet, viele von den Angehörigen getrennt.
Freunde in Darmstadt hatten mir geholfen, das frühere Konzentrationslager dort zu pachten. Es war nicht groß, aber immerhin konnten 160 Flüchtlinge hier unterkommen. Im Nu war es gefüllt, und es standen noch viele Namen auf der Warteliste. Ich arbeitete mit dem Evangelischen Hilfswerk zusammen. Der Stacheldraht war verschwunden, ein heller Anstrich, Blumen und Gottes Liebe in den Herzen der Menschen hatten das schreckliche Lager in ein Heim verwandelt. Die Marienschwestern halfen, Pfarrer und die Mitglieder verschiedener Kirchen beteiligten sich am Bau von Häusern, und ich reiste und sammelte das nötige Geld.
Es wurde mit der Zeit immer schwerer, alle Flüchtlinge aufzunehmen, und so war das Lager bald überfüllt. In einigen Räumen wohnten mehrere Familien zusammen, viele ohne Vater; die waren im Krieg gefallen oder befanden sich noch in Gefangenschaft. Oft ging ich durch das Lager und sprach mit den einsamen, verzweifelten Leuten und versuchte, ihnen neue Hoffnung und Liebe zu geben.
In der Ecke eines großen Raumes saß eine ältere Frau.
Offensichtlich war sie neu im Lager. Sie teilte den Raum mit drei Familien und hockte wie ein gescholtenes Kind in ihrer Ecke. Ein viel zu großes, abgetragenes Kleid hing um ihren mageren Körper. Ihre Augen wanderten ziellos hin und her. Manchmal hielt sie sich den Kopf: Das Geschrei der Kinder musste ihr auf die Nerven gehen. Aber sie litt noch tiefer. Sie verzweifelte am Leben überhaupt.
Ich ging zu ihr hin, setzte mich neben sie und bat sie zu erzählen. Da hörte ich, dass sie Musikprofessorin am Dresdener Konservatorium gewesen war, vor dem Krieg. Nun hatte sie nichts mehr. Sie erzählte aber, dass ihr ein Pfarrer in der Stadt erlaubt habe, sein Klavier zu benutzen, und dass die Kinder von ein paar Bauern Unterricht haben wollten. Bis zur Wohnung des Pfarrers waren es jedoch ein paar Kilometer, die sie zu Fuß gehen musste, und dafür war sie zu schwach.
»Sie sind Musikprofessorin!«, rief ich begeistert, »und ich liebe so sehr die Musik Bachs!«
Für einen Augenblick wurde es in ihren Augen hell. »Würden Sie mich zu der Pfarrerswohnung begleiten?«, fragte sie mit großer Würde. »Es würde mich glücklich machen, wenn ich für Sie spielen dürfte.«
Obwohl wir einige Kilometer weit laufen mussten und ich sah, wie schwer ihr das fiel, hatte ich doch den Eindruck, dass Gott etwas Besonderes vorhatte.
Sie setzte sich an das Klavier. Es war zwar von Bomben verschont geblieben – vor dem Regen hatte man es nicht schützen können. Das Holz hatte sich geworfen, die Saiten lagen offen und hatten Rost angesetzt. Einige waren gerissen und hingen zwischen den anderen Saiten. Die Pedale waren gebrochen und das Elfenbein von fast allen Tasten entfernt. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass diesem Instrument üb