Kapitel 1
10. Oktober 1990
»Cat, wach auf! Wir haben ein Herz!«
Nur mühsam gelang es Cat Delaney, aus der von Medikamenten verursachten, klebrigen Benommenheit in die Realität aufzutauchen. Sie schlug die Augen auf und versuchte, den Blick auf Dean zu richten. Nur verschwommen nahm sie ihn wahr, sah aber sein breites, strahlendes und vielversprechendes Lächeln.
»Wir haben ein Herz für dich!« wiederholte er.
»Wirklich?« fragte sie mit heiserer und schwacher Stimme. Als sie in die Klinik eingeliefert worden war, hatte sie die Aussicht gehabt, diese entweder mit einem neuen Herzen wieder zu verlassen – oder im Sarg.
»Das Rettungsteam ist unterwegs und bringt es hierher.«
Dr. Dean Spicer wandte sich zu seinen Kollegen um, die ihn auf die Intensivstation begleitet hatten. Cat vernahm zwar seine Stimme, doch was er sagte, schien keinen Sinn zu ergeben.
Träumte sie? Nein. Dean hatte gerade klar und deutlich gesagt, daß ein Spenderherz unterwegs war. Ein neues Herz – für sie! Leben!
Plötzlich spürte sie einen Energieschub wie schon seit Monaten nicht mehr. Sie setzte sich in ihrem Krankenhausbett auf und plauderte mit den Schwestern und Technikern, die um sie herumschwirrten und sie mit Infusionsnadeln und Kathetern malträtierten.
Diese schmerzhafte Prozedur war schon derart alltäglich für sie geworden, daß sie diese kaum noch wahrnahm. Während der vergangenen Monate war ihr so viel Blut abgezapft worden, daß es für einen Swimmingpool gereicht hätte. Sie hatte erheblich an Gewicht verloren und war – ohnehin von zarter Statur – fast nur noch Haut und Knochen.
»Dean? Wo ist Dean?«
»Ich bin hier.« Der Kardiologe schob sich zwischen den anderen durch zu ihr ans Bett und ergriff ihre Hand. »Habe ich dir nicht immer gesagt, daß wir rechtzeitig ein Spenderherz für dich auftreiben werden?«
»Ihr Ärzte seid doch alle gleich. Rechthaberisch und eingebildet bis zum Gehtnichtmehr. Halbgötter allesamt.«
»Das will ich überhört haben.« Dr. Jeffries, der für die Transplantation verantwortliche Herzchirurg, betrat das Zimmer so lässig, als sei er bei seinem abendlichen Spaziergang – über Wasser. Er entsprach haargenau dem Klischee, auf das sie mit ihrer Bemerkung angespielt hatte. Sie wußte um sein Können, vertraute seinen Fähigkeiten, konnte ihn aber persönlich überhaupt nicht leiden.
»Was machen Sie denn hier?« fragte sie. »Sollten Sie jetzt nicht eigentlich im OP sein und Ihre Instrumente sterilisieren?«
»Schnippisch wie eh und je. Was glauben Sie eigentlich, wer Sie sind? Ein Fernsehstar?«
»Haargenau.«
Ungerührt wandte sich der Chirurg der Schwester der Intensivstation zu. »Hat die Patientin Fieber?«
»Nein.«
»Erkältung? Virusinfektionen irgendwelcher Art?«
»Was soll das?« mischte sich Cat verärgert ein. »Wollen Sie etwa einen Rückzieher machen? Schon auf einen freien Abend gefreut? Was Besseres vor?«
»Reiner Routinecheck, ob Sie wohlauf sind.«
»Das bin ich. Nehmen Sie das Herz und tauschen Sie es aus. Meinetwegen auch ohne Narkose.«
Ohne ein Wort wandte er sich um und verließ das Zimmer.