: Nicola Förg
: Eisenherz
: Emons Verlag
: 9783863580315
: 1
: CHF 7.60
:
: Krimis, Thriller, Spionage
: German
: 288
: kein Kopierschutz
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
In Seeshaupt ist der Mode- und Werbefotograf Lutz Lepaysan eindeutig in zu dichten Kontakt mit seinem Stativ geraten - es traf seine Schädeldecke. Kommissar Gerhard Weinzirl ermittelt schnell, dass der Mann sein Objektiv nicht nur auf schöne Frauen richtete, sondern eine ganze Reihe von Personen bespitzelte, die anscheinend Dreck am Stecken hatten. In Kaltenberg trainieren französische Stuntmen für das größte Ritterturnier der Welt. Doch mal liegen sie alle wegen einer Lebensmittelvergiftung flach, mal werden sie verprügelt. Johanna Kennerknecht, genannt Jo, die für die Dauer der Turnierzeit die PR-Abteilung leiten soll, hat ihre liebe Not, die Vorgänge herunterzuspielen, aber es kommt noch schlimmer. Bei einer Probe für das spektakuläre Tjosten, bei dem präparierte Lanzen verwendet werden, ist plötzlich eine echte Lanze im Spiel - und geht mitten ins Herz.

Nicola Förg, Jahrgang 1962, arbeitet als freie Reisejournalistin für namhafte Tageszeitungen, Publikumsmagazine und Fachmagazine - vor allem für solche, die Bergtourismus, Skispass und Reiterreisen zum Thema haben. Sie hat zudem ein Dutzend Reiseführer und Bildbände verfasst. Sie lebt im Ammertal in Bad Bayersoien.

Weilheim

Gerhard schnaufte. So richtig. Dann sah er auf die Uhr. Fünfundvierzig Minuten hatte er gebraucht. Keine Spitzenleistung, aber ganz ordentlich auf seine alten Tage. Er holte sich in der Hütte ein Weißbier und Debreziner, dann ließ er sich auf der Terrasse nieder. Die Bänke waren feucht, aber es regnete gerade mal nicht an diesem Mittwochmorgen. Augenblicklich erhob sich ein Vogel aus den dunklen Tannen, landete auf der Brüstung vor Gerhard und beäugte vorwurfsvoll aus dunklen Knopfaugen Gerhards Brot. Er popelte ein paar Krumen raus und legte sie ans Tischende. Zack, weg waren sie. Gerhard lächelte und nahm einen tiefen Zug aus seinem Weißbierglas. Solche Tage gönnte er sich viel zu selten.

Er wohnte schließlich dort, wo andere Urlaub machten. Ein blöder Satz. Aber doch ein Satz, der sich eingeprägt hatte, den man automatisch verwendete. So wie Tempo für jedes Schnupftuch. Wie Uhu für jeden Kleber. Sein Handy hatte nun eine neue Melodie: Eine Insel mit zwei Bergen … Er verfluchte sich dafür, dass er es angelassen hatte.

»Weinzirl, Ende des freien Tages. Männliche Leiche in Peißenberg.«

Es war Baier, sein Kollege, der alte Haudegen, dessen Sätze stets so prägnant waren, dass er kaum Verben benötigte. Baier, dessen bärbeißige Art Gerhard in der kurzen Zeit zu schätzen gelernt hatte. »Ach nein, Baier, nicht jetzt.«

»Schlechtes Timing, Weinzirl, oder was? Wo sind Sie?«

»Ich sitze auf der Terrasse der Hörnle-Hütte. Ein bisschen werden Sie sich gedulden müssen. Außerdem ist dann meine neue Freundin sicher enttäuscht.«

»Sie und Ihre Weiber, Weinzirl! Welche neue Freundin? Dachte, Sie sind noch immer bei unserer lieben Frau Kassandra, der wild gelockten Schamanin, engagiert.«

»Baier! Ich bin ein treuer Allgäuer, das wissen Sie doch. Es handelt sich hier nur um einen Vogel. Keine Ahnung. Ein Adler eher auch nicht. Kein Flamingo. Ein Spatz ist es auch keiner. Den würde ich erkennen. Dann beißt es bei mir zoologisch aus. Es ist was Größeres.«

»Ist tatsächlich ein Weibchen. Ein Eichelhäher-Weibchen. Die sind ganz unauffällig gefärbt«, brummte Baier.

»Und woher wissen Sie bitte schön aus der Ferne, dass das ein Eichelhäher-Weibchen ist? Sind Sie Hellseher, Baier?«

»Ist das Maskottchen der Hütte. Hüpft da immer rum. Bin auch ab und zu auf dem Hearndl. Schafft so ein alter Knochen wie ich auch noch. Oder ich nehm den Lift. Wie lange haben Sie gebraucht, Weinzirl?«

»Fünfundvierzig Minuten.«

»Na, ihr Allgäuer habt ja auch ein Gemsen-Gen. Also trennen Sie sich, mein Lieber. Von Flora, Fauna und der Vogeldame. Die findet ein neues Opfer. Verfressenes Weib. Fahren Sie zur Bräuwastlhalle. Hurtig zu Tale, Weinzirl.«

Immerhin, einen halben Tag lang hatte er sich der schönen Illusion von Freizeit hingegeben. Immerhin hatte er einen Berg »bezwungen«, und nun würde er eben wieder absteigen ins Tal. Langsam würde er gehen, irgendwie nagte der Zahn der Zeit an seinen Knie. Tot war der Mann ja eh schon. Der würde warten können. Gerhard stopfte sich die Würstchen in den Mund, leerte das Weißbier auf ex und ließ seiner Freundin den Rest Brot da. Servus, Frau Häher!

Gerhard wählte eine Strecke, die sicher nicht die schnellste war, aber