KAPITEL 1
Klima macht Geschichte
Im Hotelzimmer ist das Klima genau so, wie es der kleine weiße Reglerkasten an der Wand vorschreibt: warm und trocken. Draußen, nur eine dünne Scheibe bruchsicheres Glas entfernt, herrscht der Monsun. Normalerweise kann man von diesem Fenster aus den anmutigen, glitzernden Bogen des Marine Drive sehen, den eleganten Strandboulevard, den die Bewohner von Mumbai aufsuchen, um sich daran zu erinnern, warum sie ihre wuchernde, verrückte und völlig überbevölkerte Stadt lieben. Heute zeigen die Fenster nur eine gräulich-schwarze Wand aus Nässe.
Der Monsun tobt durch Mumbai wie ein betrunkener Mob, drückt Ladenscheiben ein, reißt Straßen auf, schlägt und peitscht auf alle nieder, die das Pech haben, hinaus zu müssen, oder zu arm sind, um sich ein Dach über dem Kopf leisten zu können. Der Monsun ist furchtbar, und er ist lebensnotwendig. Mumbai und ganz Indien wurden um die zyklische Wiederkehr dieser so ungezügelten wie brachialen Regenmassen herum geschaffen.
Dieses Land braucht den Monsun. Für die modernen indischen Städte mögen die Sturzfluten eine Heimsuchung sein, aber draußen auf dem Land füllen sich die Wasserspeicher und Staubecken der Kraftwerke wieder, kehrt das Grün in die zundertrockenen Wälder zurück, leiten Bewässerungskanäle das Wasser auf versengtes, rissiges Ackerland, das wieder feucht und fruchtbar wird. Es gab einen Monsun, bevor es ein Indien gab. Das Land wurde groß und geformt durch das periodische Bombardement des Leben spendenden und Leben nehmenden Regens. Der Monsun war ein zuverlässiges Klimametronom, das den Takt der Jahre schlug und den Menschen sagte, zu welcher Jahreszeit sie die Saat ausbringen, zu welcher Jahreszeit sie ernten und zu welcher Jahreszeit sie heiraten sollten. Selbst heute noch werden in diesem mehr und mehr durch Hightech geprägten Land der erwartete Beginn und das Ende des Monsuns in Zeitungen vermeldet. Prognosen bezüglich »guter« oder »schlechter« Niederschlagsperioden und -mengen können die Börse in helle Aufregung versetzen. Tief im Inneren dieser riesigen, verschlungenen und diversifizierten Volkswirtschaft liegt das Wissen, dass der Monsun immer noch eine Rolle spielt – eine große Rolle.
Doch in letzter Zeit verhält sich der Monsun – und das Klima im Allgemeinen – eigenartig. Sie sind weniger vorhersagbar, fast schon unberechenbar geworden, Niederschlagsverteilung und Temperaturen sind aus dem Lot geraten. Es regnet, wenn es schneien sollte, ist heiß, wenn es kalt sein sollte, es gibt Überschwemmungen in der Wüste und Trockenheit in den Feuchtgebieten. Insgesamt sind in Indien die Regenmengen seit den 1950er-Jahren um fünf bis acht Prozent zurückgegangen, andererseits werden ganze Regionen von Sturzfluten unter Wasser gesetzt.6
In Mumbai versucht man, die Natur auf rigoros moderne Weise zu unterwerfen, mit einer Stadtplanung und Gebäuden, die dem neuesten Stand der Technik entsprechen. Auf dem Land hingegen bemüht man sich, mit der Natur zu arbeiten, hauptsächlich in Form traditioneller Bewässerungstechniken. Beide Ansätze scheitern. Etwas hat sich verändert. Oder, genauer gesagt, etwas verändert sich schneller als jemals zuvor.
Um zu verstehen, was sich da verändert, lohnt es, einen genaueren Blick auf das Wetter zu werfen. Als System ist der Monsun komplex und elegant – die melodische Verschmelzung verschiedener klimatischer Noten zu einer zusammenhängenden Symphonie. Da sind das aggressive, hartnäckige Piccolo des aufziehenden Regens auf knochentrockenem Boden, das Rauschen der niemals nachlassenden Winde, die Bassschläge des Donners, das metallische Krachen der Blitze. Presst man die Hand gegen das kalte Fenster, kann man die Vibrationen spüren, den Lärm, die Gewalt.
Der Monsun ist aber auch überraschend sensibel. Wie bei einer großen Kompos