: Ines Thorn
: Frevlerhand Historischer Kriminalroman
: Rowohlt Verlag Gmbh
: 9783644475915
: Die Verbrechen von Frankfurt
: 1
: CHF 7.50
:
: Historische Romane und Erzählungen
: German
: 336
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Wenn die Gräber sich auftun, ist die Hölle nah. Ein mysteriöser Prediger schlägt die Bürger Frankfurts mit dunklen Reden in seinen Bann. Besorgt sieht die Richterswitwe Gustelies, wie sogar ihre Freundin Jutta zu einer Jüngerin des glutäugigen Fremden wird. Als plötzlich in der Stadt Tote auftauchen - in offenen Gräbern, gehüllt in weiße Gewänder -, gerät der Höllenprediger sofort in Verdacht. Verkündet er nicht stets, die Erde sei in Wahrheit die Hölle? Wieder einmal muss Gustelies ermitteln - und kommt dem Mörder näher, als ihr lieb ist. Band 4 der beliebten historischen Krimireihe von Ines Thorn.

Ines Thorn wurde 1964 in Leipzig geboren. Nach einer Lehre als Buchhändlerin studierte sie Germanistik, Slawistik und Kulturphilosophie. Sie lebt und arbeitet in Nordhessen und schreibt seit Langem erfolgreich historische Romane.

Kapitel3


Im Pfarrhaus angekommen, hatte Gustelies noch immer ein schlechtes Gewissen. Sie stellte den Weidenkorb auf den Tisch, stopfte eine vorwitzige Haarsträhne zurück unter die Haube und spülte sich dann eilig den Mund mit Minzsud aus. Als das nicht half, griff sie zwei Nelken und kaute darauf herum.

Der Pater kam die Treppen herab. «Was gibt es Neues in der Welt?», fragte er, schaute seine Schwester prüfend an und duckte sich in Erwartung neuer Vorwürfe.

«Die Welt ist in Frevlerhand», erklärte Gustelies müde. «Und sie kann nur durch Küsse gerettet werden.»

Der Pfarrer ließ sich am Küchentisch nieder. «Meine Rede!», sagte er nickend. «Die Erde ist in Frevlerhand. Wie oft habe ich das schon von der Kanzel gepredigt. Zeit wird es, dass die Leute es begreifen.»

«Aber du willst sie nicht durch Küsse retten, oder?»

Der Pater verzog angewidert den Mund und fuhr sich mit dem Ärmel seiner Soutane über die Lippen. «Igitt, wer macht denn so was?», fragte er mit gelindem Entsetzen in der Stimme.

Gustelies klaubte die Hahnenkämme aus dem Korb und gab sie zum Einweichen in einen Topf mit Wasser. «Der neue Prediger. Auf dem Römer steht er und verteilt Küsse. Du solltest die Frauen sehen: Ganz wild sind sie nach ihm. Und allen voran Mutter Dollhaus und die Geldwechslerin.»

«Deine Freundin Jutta?»

Gustelies nickte. «Ich dachte, sie hätte einen Liebsten. Ich dachte, der Fuhrmann wäre ihr Herzensdieb, aber nein.»

«Sie hat den Fremden geküsst?» Pater Naus Augen wurden immer größer.

«Na ja», lenkte Gustelies ein. «Gesehen habe ich nur, wie er zwei Mägde geküsst hat. Dann bin ich gegangen, konnte das Übel nicht mit ansehen.»

«Hmm», machte der Pater und kratzte sich nachdenklich am Kinn. «Ich muss wohl mit Bruder Göck darüber sprechen, muss ihn fragen, ob Liebe und Küsse dasselbe sind.»

Gustelies lachte auf. «Da wollen wohl zwei Blinde über Farben reden! Oder meinst du, Bruder Göck hätte seine Erfahrungen mit Küssen? Und wie sieht es eigentlich mit dir aus, Paterchen? Hast du schon einmal geküsst?»

Jetzt wurde es Nau zu viel. Mit hochrotem Kopf erhob er sich. «Genug von dem Geschwätz. Ich muss arbeiten, meine Predigt schreiben.»

Gustelies wischte sich die Hände an der Schürze ab. «Wozu schreibst du eigentlich noch eine Predigt?», fragte sie. «Der Rat der Stadt hat seit dem21. April alle katholischen Gottesdienste verboten. Frankfurt ist evangelisch. Sogar im Bartholomäusdom predigt man jetzt nach der lutherischen Art. Und der Almosenkasten, der vor St. Nikolai hängt, der gehört jetzt auch den Lutherischen. Sie haben den Armen der Stadt ein Stück Stoff mit dem Wappen Frankfurts gegeben, damit sie sich das an die Kleidung nähen. Nur damit bekommen sie etwas von der Armenspeisung. Der neuen lutherischen, versteht sich.»

Der Pater setzte sich wieder und zupfte am Ärmel seiner Soutane. «Aha, Frankfurt ist also evangelisch. Der Rat hat es beschlossen und die Armen auch gleich mit evangelisiert.» Er kicherte.

«Was gibt es da zu lachen?», verlangte Gustelies zu wissen. «Dein Amt steht auf dem Spiel. Wenn das so weitergeht, nehmen sie auch dir die Kirche weg und das Pfarrhaus, und dann kannst du sehen, wo