1.Heiratsmuster, Bevölkerungsentwicklung, Agrar- und Gewerbeproduktion
Die bedeutendste soziale Tatsache des16. Jahrhunderts war die Zunahme vor allem der west- und mitteleuropäischen Bevölkerung, die in einzelnen Regionen bis zu einer Verdoppelung der Zahl der Menschen führte.
Bevölkerung in Millionen | 1500 | 1700 |
Südeuropa (Italien, Spanien) | ca.20 | ca.23,3 |
West- und Mitteleuropa (Frankreich, Niederlande, Deutschland, Skandinavien) | ca.36 | ca.51 |
Quelle: Roger Mols, »Die Bevölkerung Europas1500–1700«, in: C. M. Cipolla/K. Borchardt (Hg.),Europäische Wirtschaftsgeschichte. Sechzehntes und Siebzehntes Jahrhundert, Stuttgart1979, S.5–49, S.5.
Generalisierende Aussagen lassen sich aufgrund der großen regionalen Unterschiede, der unterschiedlichen Quellendichte und der Lücken im Forschungsstand nur mit Vorbehalt machen. Bevölkerung und Wirtschaftsbewegung hingen bereits im Spätmittelalter zusammen. Aus diesem Zusammenhang ergaben sich für Wirtschaft und Bevölkerung zwei Wachstumsbewegungen. Die erste setzte zwischen dem späten15. und der zweiten Hälfte des16. Jahrhunderts ein und stoppte im Verlauf des zweiten Drittels des17. Jahrhunderts. Die zweite begann überwiegend im Verlauf des zweiten Drittels des18. Jahrhunderts und setzte sich im Verlauf des19. Jahrhunderts fort. Diese Wachstumsbewegungen wurden von der Struktur der Familien- und Haushaltsgründung in weiten Teilen West-, Nordwest- und Mitteleuropas sowie von der Wirtschafts- und der davon abhängigen Einkommenslage der breiten Bevölkerung bestimmt.
Während die wichtigsten Ursachen frühneuzeitlicher Mortalität, wie Infektionskrankheiten, Hungerkrisen und die Kindersterblichkeit, erst im Verlauf des19. Jahrhunderts überwunden wurden, blieb die Anzahl der außerehelich geborenen Kinder in der Regel gering. Hier wurde seit dem Spätmittelalter zunehmend streng und erfolgreich durch die kirchliche und weltliche Obrigkeit gehandelt. Die in die Neugründung eines eigenständigen Haushalts eingebundene Ehe blieb die mit weitem Abstand wichtigste Quelle demographischer Reproduktion. Die Veränderungen im europäischen Bevölkerungswachstum müssen daher in erster Linie durch den Anteil der überhaupt Heiratenden und in zweiter Linie durch das Heiratsalter der Frauen erklärt werden.
Mit wachsendem Heiratsalter nahm die gebärfähige Periode der Frau und damit auch die mögliche Zahl ihrer Kinder ab. In diversen Gemeinden des Alten Reiches lag beispielsweise das Durchschnittsalter bei der ersten Heirat für Frauen zwischen Mitte und Ende zwanzig, bei Männern zwischen Ende zwanzig und Anfang dreißig. Während bei früher, im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren, heiratenden Mädchen die Zahl der durchschnittlich geborenen Kinder b