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Sechs Uhr zeigen die Ziffern meines digitalen Weckers an. Ich muss zwar nicht mehr ins Büro hetzen, aber meine innere Uhr denkt gar nicht daran, sich umzustellen.
Mit halb geöffneten Lidern drehe ich das Kopfkissen um und genieße die angenehme Kühle der Unterseite. Wieder einzuschlafen gelingt mir jedoch nicht. Vermutlich hat mich bereits die senile Bettflucht fest im Griff. Senil oder nicht – dabei fällt mir ein, was heute für ein Tag ist.
Mein Sechzigster!
Wie auf Kommando kriecht mir eine heftige Hitzewelle über den Körper und steigert sich zum Schweißausbruch, als mir zu allem Übel auch noch einfällt, der Jubiläumsfeier zugestimmt zu haben. Irma hat im Gegenzug versprochen, ihre Umzugskisten wegzuräumen und endlich zu putzen. Amelie ist in die Birkenstocks gestiegen und wollte unbedingt in den Baumarkt sausen, um die Liegestühle zu besorgen. Gustl konnte es gerade eben verhindern, da er zu bedenken gab, dass es im April noch nicht heiß genug zum Nacktsonnen wäre. Wie ich sie kenne, wird sie früher oder später das geeignete Mondphasenargument finden, um ihren Plan in die Tat umzusetzen.
Träge steige ich aus dem Bett. Na, wenigstens schlafen noch alle und ich kann ungestört die Zeitung lesen.
Meine Mitbewohner sind begeistert, dass ich als Frühaufsteherin immer schon Kaffee koche. Ab halb acht ist mit Irma zu rechnen, die zwar ein paar Tage Urlaub hat, aber den gewohnten Weckrhythmus auch nicht aus dem System kriegt. Und sobald Amelie auftaucht, ist es vorbei mit der Ruhe. Dann wird die tägliche Tarotkarte gezogen, stundenlang rumgedeutet und über Schicksal oder Zufall gerätselt. Endlos lange dauert dieses Ritual, wenn sie direkte Fragen stellt und die Karten ihr einfach keine eindeutige Antwort geben wollen. Dann mischt sie das Spiel immer und immer wieder und zieht so lange neue Karten, bis das Ergebnis taugt. Notfalls pendelt sie auch über dem Kartenspiel.
Vorsichtig, jedes Geräusch vermeidend, steige ich in die schwarzen Filzpuschen und schlüpfe in den schwarzweiß gemusterten Morgenmantel. Im Flur lausche ich in die morgendliche Stille. Aus dem Zimmer zu meiner Linken, wo Gustl schläft, glaube ich ein leises Schnarchen zu vernehmen. Ansonsten ist alles ruhig. Auch rechts neben mir, aus Amelies Märchenburg, wie sie es nennt, ist kein Mucks zu hören. Ich schleiche durch den langen Korridor, öffne so geräuschlos wie möglich die Wohnungstür und husche zum Briefkasten, in dem die Zeitung steckt.
Meteorologen versprechen Supersommer, verkündet die Schlagzeile auf der ersten Seite. Oh, oh, wenn Amelie das liest, rennt sie noch vor dem Frühstück in den Baumarkt.
Als ich die Küche betrete, weiche ich zurück. Schmutzige Töpfe und Pfannen stapeln sich im Spülbecken, auf dem Tisch stehen Teller mit Resten vom Abendessen, und es müffelt nach Stinkesocken. Als Verursacher dieses peinigenden Odeurs identifiziere ich ein Stück zerfließenden Limburger.
Amelie und Irma! Statt wie versprochen Ordnung zu schaffen, haben sie gepichelt, wie ich an den zwei leeren Flaschen Prosecco erkenne. Irma hat mich wieder mal ausgetrickst. Ich solle mal den WG-Feldwebel nicht so raushängen lassen, hat sie gegrinst und mich ins Bett geschickt.
Während ich meine zehn Jahre alte Kaffeemaschine mit Filter und Kaffeemehl befülle, entspanne ich mich wieder ein bisschen. Unsere hauseigene Esoterikerin Amelie hat das Ding beim Einzug ausgependelt und behauptet, wir würden mit Elektrosmog verseucht – worauf sie die Maschine umgehend entsorgen wollte. Einzig das Argument, ausschließlichich würde beim Kaffeezubereiten versmogt, konnte die Maschine retten.
Ich liebe das leise Blubbergeräusch, bei dem ich mich wie ein