: Irmtraud Morgner
: Hochzeit in Konstantinopel Roman
: btb Verlag
: 9783641092627
: 1
: CHF 4.50
:
: Erzählende Literatur
: German
: 224
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
Ein früher Klassiker der Frauenbewegung

Bele H. ist Taxifahrerin, Straßenbahnschaffnerin und Laborantin von Beruf, vor allem aber hat sie eine Reise an die jugoslawische Adria unternommen und dort in zwanzig und einer Urlaubsnacht eine Hochzeit gefeiert, die nie stattfinden wird. Die Geschichten dieser Nächte erzählt sie Paul, einem nüchternen Atomphysiker und approbierten Pascha, dem sie aber mit ihren Erzählungen nicht die Poesie der Wirklichkeit näherbringen kann. Sie versucht ihn mit Geschichten von der Liebe zur Liebe zur Verführen, doch während Pauls physikalische Experimente glücken, ist es nicht ausgeschlossen, dass Bele H.s großes Lebens- und Liebesexperiment scheitert …

Irmtraud Morgner wurde am 22. August 1933 in Chemnitz geboren, studierte Germanistik an der Universität Leipzig und arbeitete als Redaktionsassistentin bei der Zeitschrift „Neue Deutsche Literatur”. Seit 1957 war sie freie Schriftstellerin. Die Autorin wurde mit vielen bedeutenden Preisen ausgezeichnet. Irmtraud Morgner starb am 6. Mai 1990.

Himmelbett


Im vorigen November fuhr ich jede Nacht mit meinem Bett über die Spree. Um fünf mußte ich zurück sein. Da kam die Reinigungsfrau. Von der Nachtschwester, die halb sechs Thermometer brachte, war nichts zu fürchten. Und meine Zimmerteilhaberin hatte einen guten Schlaf. Entweder sie merkte tatsächlich nichts, oder sie tat so, als ob. Und verachtete mich. Frauen, die nachts wegblieben, verachtete sie. Ich teilte meine Apfelsinen mit ihr. Sie reichte mir Photos, die sie in einer Plastiktüte aufbewahrte. In einer anderen Plastiktüte bewahrte sie Wurst und Kuchenstückchen auf, die wir für die Möwen sammelten. Die Möwen flogen mehrmals täglich unser Fenster an, sie saßen auf der Ufermauer und auf dem Brückengeländer, und sobald wir das Fenster öffneten, erhoben sie sich, umflogen es kreischend und fingen die Brocken im Fluge. Den ganzen Tag über hörte ich ihre Schreie und das Geschnatter der Wildenten. Nachts hörte ich Schnarchen. Deshalb fuhr ich jede Nacht mit meinem Bett über zwei Brücken der Spree. Unbehelligt. Nur einmal wurde ich von einem Funkstreifenwagen angehalten. Als die Turmuhr der Johanniskirche gerade zwölf schlug. Am Tage konnten wir vom Bett aus an dieser Uhr die Zeit ablesen. Frau Jepsen, mit der ich das Zimmer teilte, nahm eine Brille zu Hilfe. Wenn sie die aufsetzte, um berechnen zu können, wieviel Zeit uns von der nächsten Essenausgabe trennte, erfuhr ich, daß Norbert in der Johanniskirche getauft worden war. Norbert hieß ihr Enkel. Das neueste der in der Plastiktüte aufbewahrten Photos zeigte ihn in windelgeschwollenen Strampelhosen, auf einer Decke liegend. Da ihm wie allen Kindern der Besuch von Krankenhäusern verwehrt war, schenkte seine Großmutter mir das sonntägliche Kompott. Wir erhielten Normalverpflegung und Nierentee. Den literweise, das Essen war gesalzen wie in Restaurants, Bier dagegen nicht bestellbar. Ich hatte Appetit auf Budweiser, Gerda Jepsen auf Schorle rot, sie sagte, Bier wäre ein Männergetränk. Und von Männern wollte sie nichts wissen. Ihre Krankenpapiere, die, wie die meinigen auch, am Fußbrett des Betts aufgehängt waren, bezeichneten sie als einundvierzigjährig. Wir lasen uns täglich gegenseitig aus unseren Krankenpapieren vor, mutmaßten über die Bedeutung unentzifferbarer oder unvertrauter Wörter, beschrieben die Skalenlage der auf Millimeterpapier aufgetragenen Meßpunkte von Puls und Temperatur und den Verlauf der durch Verbindung dieser Punkte mittels Geraden entstandenen Kurven, Pulskurve rot, Fieberkurve blau, stritten über die Wertigkeit der schriftlich bestätigten Gebrechen, »ich jedenfalls hatte eine Intertrochealnarkose«, sagte Gerda Jepsen, »und ich hatte eine Zystoskopie«, sagte ich. Und die Reinigungsfrau sagte: »Unsereiner schuftet, und die Herren stecken das Geld ein.« Wenn die Herren kamen, nahm sie gewöhnlich die Bohnermaschine in Betrieb; deshalb sprachen die Herren, das heißt der Professor, der Oberarzt, die Oberärztin, der Stationsarzt, die Assistenzärzte und -ärztinnen und die Stationsschwestern bei der Visite auch so laut. Der Professor sprach mit den Patienten am liebsten über seine Studentenzeit. Als Gerda Jepsen von der Oberärztin erfuhr, daß bei der Operation nur ein Myom abgedreht worden wäre, sagte sie zum Professor: »Warum haben Sie nicht reinen Tisch gemacht, ich brauch das Zeug nicht, ich hab keinen Mann.« Und ich sagte zu ihm: »Ich möchte mal mit meinem Bett über die Spree fahren, Sie auch?« &nb