: Thomas Enger
: Vergiftet Ein Henning-Juul-Roman
: Blanvalet
: 9783641079901
: Henning-Juul-Romane
: 1
: CHF 8.00
:
: Spannung
: German
: 464
: Wasserzeichen
: PC/MAC/eReader/Tablet
: ePUB
'Wenn du herausfindest, wer mich verraten hat, sage ich dir, was an dem Tag passierte, als dein Sohn starb', lautet die Nachricht eines Häftlings, der für einen Mord verurteilt wurde, den er angeblich nicht begangen hat. Er will, dass Reporter Henning Juul die Wahrheit herausfindet. Doch der Inhaftierte wird im Gefängnis umgebracht, ehe Henning mit ihm sprechen kann. Für den Reporter bricht die Welt zusammen. Hätte der Mann wirklich den Tod von Hennings Kind aufklären können? Oder gibt es noch weitere Zeugen?

Thomas Enger, Jahrgang 1973, studierte Publizistik, Sport und Geschichte und arbeitete in einer Online-Redaktion. Nebenbei war er an verschiedenen Musical-Produktionen beteiligt. Sein Thrillerdebüt 'Sterblich' war im deutschsprachigen Raum wie auch international ein sensationeller Erfolg, gefolgt von vier weiteren Fällen des Ermittlers Henning Juul. Aktuell schreibt er zusammen mit Bestsellerautor Jørn Lier Horst die SPIEGEL-Bestsellerreihe über Alexander Blix und Emma Ramm. Er lebt zusammen mit seiner Frau und zwei Kindern in Oslo.

1

22 Monate später

Der Schrei ist immer derselbe.

Henning Juul tastet sich blinzelnd zum Lichtschalter vor. Das Laken unter ihm ist nass, die Luft flimmert vor Hitze. Mit feuchten Fingerkuppen fährt er über die Narben an Hals und Gesicht. In seinem Kopf dröhnt der Bass, der aus einem offenen Fenster in der Steenstrups gate kommt. Etwas entfernt fährt ein Motorrad brüllend davon, ehe es wieder still wird. Wie ein Crescendo vor einem plötzlichen Tod.

Henning holt tief Luft und versucht, den Traum abzuwürgen, der noch immer wie ein gestochen scharfer Film in ihm abläuft. Aber er lässt sich nicht verscheuchen.

Dabei hatte der Traum so harmonisch begonnen. Sie wollten einfach nur nach draußen zum Schlittenfahren. Jonas und er. Es hatte über Nacht geschneit, stark geschneit, sodass die Straßenbahnschienen sich wie zwei glänzende schnurgerade Silberstränge über den Hügel nach oben zogen. Die dicken Schneeflocken, die noch immer dicht an dicht durch die Luft tanzten, schmolzen auf Hennings Wangen, ehe sie sich festbeißen konnten.

Er zog Jonas auf seinem Schlitten über die Toftes gate nach unten zum Sofienbergpark, in dem sich die Kinder auf dem gegenüberliegenden Hang unterhalb der Kirche wie schwarze Striche abzeichneten. Jonas lenkte energisch hin und her, sodass Henning ganz außer Atem war, als sie endlich ankamen. Er wollte sich hinten auf den Schlitten setzen, aber Jonas hielt ihn zurück.

»Du nicht, Papa! Nur ich.«

»Okay, dann musst du den Schlitten anschließend aber auch allein nach Hause ziehen.«

»Mach ich.«

»Versprichst du das?«

»Jaaaaa!«

Henning wusste, dass die nassen Schneeflocken eine längere Lebensdauer hatten als das Versprechen, das Jonas ihm gerade gegeben hatte. Aber was machte das schon?

»Schiebst du mich an, damit ich richtig, richtig schnell bin?«

»Okay, aber halt dich fest. Auf drei!«

Dann zählten sie zusammen: »EINS,ZWEI! UuuuundDRRRRREI

Henning gab Jonas einen kräftigen Stoß und hörte den Jungen vor Freude juchzen, als er losfuhr. Er registrierte auch die Blicke der anderen Kinder, ihnen gefiel der Anblick des kleinen Kerls mit der hellblauen Mütze, der auf die kleine Schanze zufuhr, die jemand am Hang gebaut hatte. Er traf sie wirklich, bekam etwas Höhe, landete aber gleich wieder und schrie fröhlich auf, während er das Lenkrad zur Seite drehte, um nicht mit einem Mädchen zusammenzustoßen, das ihm entgegenkam. Es drehte sich um und sah Jonas nach, der immer mehr nach links kurvte.

Genau auf einen Baum zu.

Auch Henning sah, welchen Weg der J